ZEIT ONLINE: Herr Trojanow, Sie haben in den vergangenen vier Jahren alle olympischen Sportarten probiert und ein Buch darüber geschrieben. Warum haben Sie das getan?

Ilija Trojanow: Es findet fast keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Sport statt. Die Bücher, die geschrieben werden, enden in Deutschland als Verkaufskatastrophen. Das hat keine Tradition.

ZEIT ONLINE: "Bogenschießen ist die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit", heißt es in Ihrem Buch oder: "Beim Ringen darf man sich vor der Aufdringlichkeit des Fleischlichen nicht ekeln." Haben Sie sich als Schriftsteller fremd gefühlt?

Trojanow: Ich war immer wieder fasziniert, wie viele Ähnlichkeiten zwischen dem Sport und dem Schreiben existieren. In einem Gespräch mit dem Läufer Dieter Baumann habe ich festgestellt, dass es nur Zufall ist, dass bei einem von uns Distanz und beim anderen Bücherseiten rauskommen.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie, wenn Sie sehen, dass manchmal Millimeter über Medaillen, Ruhm und Geld entscheiden?

Trojanow: Die große Frage ist: Wenn die Ergebnisse von so vielen Zufällen abhängen oder von kleinsten Kleinigkeiten, wie können wir ihnen dann so eine Bedeutung beimessen? Eine Absurdität, die, je mehr ich darüber nachdenke, noch weniger Sinn ergibt. So viele Trainer haben mir bestätigt: Nach Olympia setzt nirgends ein Boom ein. Die Wirkung auf den Breitensport ist limitiert. Damit stellt sich für all jene unter uns, die mit dem Nationalismus nichts anfangen können und ihren Lebenssinn nicht durch den Medaillenspiegel bestätigt sehen, die Frage: Wieso machen wir das eigentlich? Wäre es nicht sinnvoller, wenn die Gesellschaft in den Breitensport investieren würde?

ZEIT ONLINE: Der Schwimmer Michael Phelps hat als bester Olympionike 23 Goldmedaillen geholt. Was würden Sie ihn gerne fragen?

Trojanow: Ich würde ihn fragen, was der Unterschied zwischen der 22. und der 23. Medaille ist. Stellen Sie sich vor, Sie gewinnen jedes Mal im Lotto. Das erscheint mir langweilig.

ZEIT ONLINE: Während der Spiele 2012 saßen Sie auf der Couch und entschlossen sich, alle 23 Individualsportarten selbst zu probieren und in jeder Disziplin halb so gut wie der Olympiasieger zu werden. Was hat Olympia mit dem zu tun, was Sie in den vergangenen vier Jahren getan haben?

Trojanow: Einerseits nichts und andererseits doch sehr viel. Erst jetzt verstehe ich, was ich im Fernsehen sehe. Beim Judo, wo viele Kämpfe sehr knapp ausgehen, dachte ich früher: Dort passiert nichts. Jetzt sehe ich das Nicht-Offensichtliche, Körperbeherrschung, Geschwindigkeit, solche Dinge. Wenn man Romane liest, lernt man, zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn man viel Musik hört, lernt man, die Struktur hinter dem Offenhörigen zu erkennen. Und so funktioniert auch der Sport. Er braucht Bildung.

ZEIT ONLINE: Sie waren unter anderem Trampolinspringen, Bahnradfahren und Ringen. Wie haben Sie sich einer Sportart genähert?

Trojanow: Ich habe Menschen gesucht, die ihre Sportart auf sehr hohem Niveau beherrschen, sie vermitteln können und ihren Sport reflektiert haben: ehemalige Nationaltrainer.

ZEIT Online: Alles Schleifer?

Trojanow: Keineswegs, sehr empathische Menschen sind das. Das ist einer der Berufe, die in unserer Gesellschaft unterschätzt werden. Wieder typisch, wir ehren den Arzt und missachten die Krankenschwester. Genauso verhält es sich mit den Trainern. Es gibt so viele, die niemand kennt. Diese Empathie, sich mit einem Sportler zu freuen, das war interessant. Das sind Psychologen.

ZEIT ONLINE: Kann man jede Sportart erlernen?

Trojanow: Jede. Selbst Disziplinen, bei denen ich dachte, dass es eine Katastrophe wird – wie Trampolinturnen – lassen sich so weit erlernen, dass man die Pflichtübung für Kinder und Studenten schafft. Selbst wenn man nur einen Meter hochgeworfen wird, ist das ein einmaliges Fluggefühl.