Der Freistaat Puerto Rico hat bei seinen 17 Olympiateilnahmen seit 1948 bislang acht Medaillen gewonnen, sechs davon im Boxen. Und so wie ihr Landsmann Luiz Ortiz, der 1984 bei den Spielen von Los Angeles im Leichtgewicht Silber gewann, schlägt auch seine junge Landsfrau Mónica Puig an diesem Abend zu: hart, unerbittlich, präzise. Rumble in Rio.

Allerdings steht die 22-Jährige in keinem Boxring, sondern auf dem Centre Court des Olympischen Tennisstadions. Der Bau im Stile einer Stierkampfarena glüht noch nach dem heißen Halbfinaltanz zwischen Rafael Nadal und Juan Martín del Potro im Match zuvor. Länger als drei Stunden haben sich die beiden in ihrem Halbfinale beharkt. Sie wurden angefeuert und mindestens ebenso sehr gestört von einem frenetischen Publikum: auf der einen Seite entfesselte Argentinier, auf der anderen Brasilianer, die zu dem Spanier halten – einfach, weil er kein Argentinier ist.

Als das Damenfinale zwischen Mónica Puig und Angelique Kerber beginnt, ist allenfalls noch ein Zehntel der Besucher geblieben. Sie verpassen eines der besten Tennisspiele seit langem. Beide Frauen gehen vom ersten Ballwechsel an nicht weniger unerbittlich zur Sache als die Kerle vor ihnen, wild entschlossen, die historische Chance auf eine Goldmedaille zu nutzen. Beide stecken voller Selbstbewusstsein, das sie sich im Verlauf des Turniers holen konnten. Puig hat zwar auf der Profitour erst ein kleines Turnier gewonnen, legt aber los wie eine Große. Von Anfang an muss Kerber beweisen, was sie in diesem, dem bislang besten Jahr ihrer Karriere, gelernt hat über Spiele unter Druck. Nach dem Sieg bei den Australian Open war sie beim Grand Slam in Paris gleich in Runde eins ausgeschieden, danach aber in Wimbledon ins Finale vorgestoßen. Und jetzt? Ist sie reif für Gold?

Mit Wucht und Wille zum kleinen Wunder

Mehr zu verlieren als ihre Gegnerin hat sie in jedem Fall: Nach dem Aus von Serena Williams, die im Achtelfinale mit dem Stromsparmodus eines Dreifingerfaultiers weiterkommen wollte, ist die Deutsche eindeutig die Favoritin; 32 Plätze rangiert sie vor der Puertoricanerin. Aber spätestens nach dem Sieg über die an Position 3 gesetzte Garbiñe Muguruza in der dritten Runde spielt diese wie im Rausch. Und wenn man sie so draufdreschen sieht, fragt man sich, was eigentlich all die Frauen zwischen Position 2 und 34 so machen, dass diese fantastische Spielerin bislang nicht an ihnen vorbeikommt. 

Ihre Aufschläge sitzen, die Bälle, egal ob Vorhand oder Rückhand, haben fast immer die richtige Länge, und selbst bei langen Ballwechseln verliert sie nie die Übersicht. Angelique Kerber hält dagegen, wie sie es immer tut: Sie versucht, ihrer Gegnerin zu zermürben. Sie erreicht selbst die hart (deutlich härter als ihre eigenen) geschlagenen Bälle noch und bringt sie unermüdlich zurück. Sie hat einen guten ersten Aufschlag, wenn sie ihn braucht. Und wirkt vom Enthusiasmus und anfänglichen Schwung der stolz blickenden Gegnerin zunächst unbeeindruckt.

Doch nach 37 Minuten, einer brillant und mit etwas Glück vollendeten Rallye gewinnt die Außenseiterin den ersten Satz. Fehler hat Kerber genauso wenige gemacht wie ihre Gegnerin, aber die hat den besseren Punch und achtzehn Winner geschlagen, Kerber nur acht. Dann lässt die Deutsche die Physiotherapeutin kommen, die ihren Rücken untersucht, und verschwindet für eine längere Behandlungspause in den Katakomben der Arena. Im unteren Rücken zwickt ein Muskel, ein Tape muss her; als Entschuldigung für das, was folgt, will Kerber die Blessur später nicht gelten lassen. Nach sechs Minuten Auszeit, in denen sich die rastlose Puig mit Aufschlägen warm hält, kehrt die Deutsche zurück und holt sich mühsam den zweiten Satz.