Brasiliens Küste ist 7.491 Kilometer lang, die deutsche selbst mit all ihren Meerbusen und Inselchen nur 2.389. Aber wer stellt die Olympiasiegerinnen im Beachvolleyball? Deutschland, die neue Macht im Schmettern, Pritschen und Baggern im Sand. Nun haben Laura Ludwig und Kira Walkenhorst aus Hamburg, das nicht mal am Meer liegt, die Goldmedaille gewonnen, wie vor vier Jahren in London Julius Brink und Jonas Reckermann. Der Erfolg von Rio zählt vielleicht noch mehr, weil er wirklich auswärts errungen wurde, im emotionalsten Stadion dieser Spiele. Und weil er beinahe vom Winde verweht worden wäre.

"Beim Warmmachen war es noch windstill", sagt Laura Ludwig, nachdem alles eine Stunde nach Mitternacht zu einem guten Ende gekommen ist. Aber plötzlich bläst es auch auf dem von hohen Tribünen umstellten Platz, als hätte Äolus seinen Sack mit den Stürmen geöffnet. Sogar das Netz bläht sich wie ein Segel. "Und wir hatten bei der Seitenwahl die falsche gewählt!" Deshalb beginnt dieses Finale nervös, beide Teams suchen die richtige Länge in den Bällen, die richtige Höhe in den Vorlagen für Schmetterschläge. Und beinahe 12.000 Zuschauer schreien sich die Lungen wund.

In dieser Arena aus Stahlrohr kommen die Spiele von Rio auf den Punkt: Wie vieles hier ist sie ein Provisorium, aber für die Gastgeber eine Herzensangelegenheit. Schon Stunden vor dem Anpfiff drängen sich die Heerscharen der brasilianischen Fans in ihren (Fußball-)Trikots an den Strandclubs, die ein paar Säcke Kokosnüsse extra eingelagert haben, um den Durst an diesem heißen Wintertag zu stillen. Aber symbolisch ist eben auch, dass selbst beim Beginn des für die Brasilianer vielleicht wichtigsten olympischen Finales nicht alle Plätze besetzt sind. Dafür buhen sie wie gehabt umso kräftiger alles aus, was nicht brasilianisch ist.

Doch darauf sind die Deutschen vorbereitet. Damit auch sie sich an der Copacabana heimisch fühlen, haben sie sich während der Spiele ein Appartement in der Nähe genommen. Und in Gesprächen mit einer Psychologin haben sie sich auf viel Antipathie eingestellt. "Klar, mal gehen einem Rufe und Pfiffe auf den Sack", erzählte Laura Ludwig in einem vorolympischen Gespräch über die Arbeit an der mentalen Stärke. "Da ist es wichtig, zur Ruhe zu kommen und sich selbst zu regulieren. Wie man das macht, ist sehr individuell. Der eine visualisiert Bilder, der andere braucht einen Spruch."

Sie nutzen ein Analyseprogramm

Laura Ludwig gibt ein Beispiel: Wenn nichts klappt, man nervös und hektisch wird, soll man sich das Bild eines Stoppschilds vorstellen. "Man übt, dass es Runterkommen bedeutet, nicht mehr hektische Brustatmung, sondern entspannte Bauchatmung." Auch der Olympiasieger Reckermann, in Rio als TV-Experte ebenfalls in Reichweite, gibt Tipps. "Er ist einer der Spieler, die am stärksten im mentalen Bereich waren und weiß, wie man unter Stress ruhig bleibt."

Noch nie haben Europäerinnen auch nur eine olympische Medaille im Beachvolleyball gewonnen – und jetzt gleich Gold. "Als der Sturm kam, dachte ich: Fuck it, jetzt machen wir unseren eigenen Sturm!", sagt Laura Ludwig, als sie die Medaille umhängen hat. "Wir konnten auf unsere Technik vertrauen, das hat uns gegen die Nervosität geholfen." Fokussierung ist das Schlüsselwort zu diesem historischen Erfolg, nur an das Wesentliche denken, alle Unwägbarkeiten möglichst ausschließen. Nicht einfach in einem Sport, in dem man in dem Moment, da der Ball übers Netz fliegt, die Kontrolle verliert.

Beachvolleyball ist ein bisschen wie Schere, Stein, Papier: Wer macht was? Es ist ein Spekulieren mit den Spekulationen des Gegners und ein Vertrauen auf die Intuition. Aber es gibt auch Wahrscheinlichkeiten; mithilfe des Spielanalyseprogramms Beach Viewer versucht das Trainerteam, Statistik in halbe Gewissheiten zu überführen. In dem System können die Scouts jeden Ballwechsel Schlag für Schlag aufzeichnen. Und daraus lassen sich gegnerische Spielmuster destillieren. Diese Erkenntnisse in einen Matchplan zu gießen, der im Sand niemanden überfordert, ist eine Kunst. 

Das deutsche Team beherrscht sie an diesem Abend. Nach dem windgebeutelten Beginn geht der erste Satz 21:18 an Ludwig/Walkenhorst. Und als sie auch die ersten beiden Punkte des zweiten Satzes machen, wird das Publikum ruhiger. Nach drei Monsterblöcken von Kira Walkenhorst steht es schnell 6:1. Als es bei 15:12 noch einmal eng werden könnte, finden die Deutschen zu ihren Stärken zurück.