"Laufen heißt Leiden"

Als Dieumerci Makorobondo Salukombo an drei Knaben vorbeisprintet, rufen sie ihm begeistert "Dee, Dee" hinterher und versuchen, für ein paar Meter mitzuhalten. Alle im Dörfchen Kirotshe kennen diesen Dee, wie Makorobondo mit Spitznamen heißt. Sein Lauf gleicht einem prächtigen Wasserfall, kraftvoll, majestätisch und stoisch zugleich. Prächtig ist auch seine Trainingsarena.

Die Hügel der Provinz Nord-Kivu im Osten der Demokratischen Republik Kongo erinnern an das Grün der Schweizer Alpen. Doch die Idylle trügt. Gerade einmal vier Jahre ist es her, seit sich hier die Rebellenorganisation M23 und das kongolesische Militär gegenüberstanden.

Olympia kennt viele Geschichten. Die von Makorobondo, der am Sonntag in Rio zum Marathon antreten wird, ist eine ganz besondere. Er flüchtete mit seiner Familie vor dem Krieg in seiner Heimat, erst nach Uganda, dann in die USA, wo seine sportliche Karriere begann und wo er später studierte. Doch obwohl im Kongo noch immer Gefahr droht, kehrte er zurück in seine Heimat und bringt nun Kindern und Jugendlichen das Laufen bei.

Es ist Abend, als Dee zu seiner Lebensgeschichte ansetzt. Der Duft von gerösteten Erdnüssen liegt in der Luft, im Kerzenlicht wirken seine Wangen kantig. Es war 2000, der Zweite Kongokrieg gerade in vollem Gange, als täglich Männer in schwarzer Kleidung um das Haus von Dees Familie schlichen. "Die Herren waren auf der Suche nach meinem Dad", sagt Dee, "um ihn hinzurichten".

Der Vater floh ins grenznahe Uganda. Für Dees Mutter und ihre damals sieben Kinder begann der Kampf ums Überleben. Sie versuchte, auf dem lokalen Markt Tomaten an die Leute zu bringen, oder bat beim Schneider um Stoffreste, um aus diesen ein verkaufbares Produkt zu nähen. "Wenn du sie am Abend mit zwei Tüten nach Hause kommen sahst, wusstest du, es gibt etwas zu essen", erinnert sich Dee. "Ansonsten blieb der Magen leer." Ein Jahr später floh auch der Rest der Familie ins Flüchtlingslager nach Uganda. "Es war die Frage: Bleiben und sterben oder gehen und leben", sagt Dee.

"Dich, dich will ich!"

Im Flüchtlingscamp kommt Dee zum ersten Mal mit Lauftraining in Berührung. Täglich trieben die Lehrer nach der Schule ihre Schüler mit Stöcken an, fünf Kilometer zu joggen. Der Sportunterricht glich einem Viehtrieb auf die Alm. "Zu dieser Zeit war das Laufen kein Teil von mir", sagt Dee. "Ich lief nur, um meine Lehrer glücklich zu machen." Er und seine Familie mussten weiter gegen den Hunger kämpfen. Die Erinnerung an diese Zeit schluckt Dee mit Porridge herunter, einem Brei.

2004 erlebt die Familie Salukombo eine Wende. Wie durch ein Wunder werden sie nach nur drei Jahren im UN-Lager von den Vereinigten Staaten aufgenommen. "An meine ersten Tage in Cleveland Ohio erinnere ich mich nur verschwommen", sagt Dee. Der Jetlag machte den Tag zur Nacht. "Und dann war da dieses seltsame Essen und all die Menschen, die unser Englisch nicht verstanden."

Zum Langläufer wurde er zufällig. In der Highschool war er passionierter Fußballspieler. Nach seinen ersten zwei Schulwochen traf das Team beim Warmlaufen auf die Crossläufer-Equipe. "Unser Trainer forderte uns auf, vier Runden zu laufen", sagt Dee. "Ich bemerkte nicht, dass ich die gesamte Zeit Crossläufer überholte. Als wir fertig waren, rannte der Crossläufer-Trainer zu mir und sagte: 'Dich, dich will ich!'"