Michael Phelps steht auf Startblock Nummer fünf, wartet auf seinen Einsatz in der Lagenstaffel des US-Teams. Zwei Bahnen Schmetterling noch, 100 Meter, nicht einmal eine Minute – dann ist die Karriere des erfolgreichsten Olympiateilnehmers der Geschichte vorbei. Sie sollte mit der 23. Goldmedaille für den 31-Jährigen enden.

Phelps hatte bei diesen Spielen in Rio de Janeiro viele letzte Male erlebt. Doch jene an diesem Abend – ein letztes Mal aufwärmen, ein letztes Mal einlaufen, ein letztes Mal in den Anzug quetschen – "beim Gedanken daran hätte ich im Bus fast angefangen zu heulen", sagte er später.

Die Geschichte, die am späten Samstagabend im olympischen Schwimmstadion endete, begann vor etwas mehr als 20 Jahren. Damals kam dieser zehnjährige Junge mit ADHS zum North Baltimore Aquatic Club. Nach dem ersten Training fragte der Trainer Bob Bowman den jungen Michael: "Bist du müde?" Der antwortete: "Ich werde nie müde." Mit diesen vier Worten schien sein Weg vorbestimmt: "Ich habe es zu meiner Mission gemacht, diesen Jungen müde zu kriegen", sagte Bowman später.

Michael Fred Phelps II wurde schnell zum Wunderkind des Schwimmsports. Mit 15 Jahren war er der jüngste männliche Schwimmer im US-Olympiateam seit 68 Jahren. Fünf Monate später brach er als jüngster Schwimmer überhaupt den Weltrekord über 200 Meter Schmetterling. Der erste WM-Titel folgte nur wenige Monate später. 16 weitere sollten folgen, bevor Phelps bei den Spielen in Peking 2008 zu acht olympischen Goldmedaillen in nur einer Woche schwamm. Müde? Kein bisschen. Aber doch ein bisschen motivationslos. Was sollte da schon noch kommen?

Außer Form sein, sich wieder zusammenreißen

Phelps Post-Peking-Programm sah im Zeitraffer ungefähr so aus: Bong rauchen mit den Kumpels, ab und an das Training schwänzen, aus der Form geraten, sich wieder zusammenreißen, fünfmal WM-Gold 2009 in Rom gewinnen, dort mit dem Rücktritt drohen, wenn die auftriebverleihenden Hightechanzüge nicht verboten werden, denen er bis heute die Niederlage gegen Paul Biedermann zuschreibt. Mit Restalkohol im Blut in einen Autounfall geraten, wieder ab und an das Training schwänzen, wieder aus der Form geraten, sich erneut besiegen lassen, Landsmann Ryan Lochte die Schlagzeilen überlassen, nur um dann viermal WM-Gold in Shanghai 2011 gewinnen und sich 2012 in London mit dann 18 Goldmedaillen zum Rekordsportler küren zu lassen.

Später sagte Phelps, er sei selbst in London nicht in Form gewesen, weil er keinen Spaß am Training gehabt habe, weil er sich kaum habe motivieren können. Wie tief die Probleme saßen bei diesem inzwischen zur Lichtgestalt des Schwimmens aufgestiegenen Jungen, dessen Jugend, dessen Leben aus Training, Essen, Schlafen und dem Sammeln von magischen Marken bestand, zeigte sich allerdings erst in der Zeit nach den Spielen von 2012.

Er hatte seinen Rücktritt angekündigt, wollte das Leben abseits des Pools genießen. Er würde sicher nicht zurückkommen, hatte er mit einem Verweis auf sein früheres Idol Ian Thorpe beteuert, dessen Comeback zuvor gescheitert war. Doch da war eben auch diese Leere. Plötzlich sollte er sein Leben selbstbestimmt füllen und das war eben nur bedingt mit Golfstunden und Sponsorenterminen möglich. Also trat er zurück vom Rücktritt, nur um im September 2014 nach einem Kasinobesuch bei einer erneuten Alkoholfahrt mit 135 statt der erlaubten 72 Stundenkilometer erwischt zu werden. Als Wiederholungstäter wurde er zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt, der Schwimmverband sperrte ihn für sechs Monate.