Was machten die Deutschen?

Die gewannen liegend. Die Goldmedaille für den Gewehrschützen Henri Junghänel haben Sie am frühen Abend noch mitbekommen. Wohl auch, wie sich das Dressurreiten erneut als deutscheste Golddisziplin bewies. Dabei emanzipierte sich der deutsche Stall von seiner spröden Cocktailbardiktion. Cosmo, Showtime, Desperados und Weihegold trugen Sönke Rothenberger, Dorothee Schneider, Kristina Bröring-Sprehe und Isabell Werth elegant zu Gold. Für Letztere war es bereits das sechste. 

Davon ist Angelique Kerber noch einige Jahre entfernt. Wenn sie denn weiterhin ausschließlich Tennis spielt. Dazu muss man Kerber dringend raten. Sie gab auch im Halbfinale gegen die US-Amerikanerin Madison Keys keinen Satz ab und spielt am Samstagabend deutscher Zeit das Einzelfinale. Dort wartet, nachdem sie die Tschechin Petra Kvitová geschlagen hat, Mónica Puig. Für die Puertoricanerin und Weltranglisten-34. ein ziemliches Ereignis.

Apropos Überraschung: Diskuswerfer Robert Harting, Olympiasieger von London, scheiterte bereits in der Qualifikation. Diagnose: Hexenschuss. Unfallhergang: Der Patient versuchte, mit dem Fuß das Licht auszuschalten. Immerhin aber schafften es sein Bruder Christoph und Daniel Jasinski für die Diskusnation Deutschland ins Finale, und Harting bekommt von uns eine Lavalampe. Die kann er nachts brennen lassen. 

Weil die Konkurrenz diesmal korrekt wechselte, gab es im Teamsprint der Bahnradwettbewerbe Bronze für Kristina Vogel und Miriam Welte. In London war das Duo noch durch die Disqualifikationen der britischen und chinesischen Teams auf Platz eins vorgerückt. In Rio bedeuteten 22 Tausendstelsekunden (vor Australien) Deutschlands erste Radsportmedaille dieser Spiele. Mit ihnen jubelten auch vier deutsche Radler. Obgleich es nicht zum Finaleinzug reichte, meldeten sich die Teamverfolger mit Landesrekord und Rang fünf aus zwölf Jahren olympischer Abwesenheit zurück.

Dass auch die drei deutschen 20-Kilometer-Geher bei der Medaillenvergabe einfach – Entschuldigung – übergangen würden, schien fast klar. Christopher Linke aber kam auf einen starken fünften Platz. Nur konnte das hierzulande niemand sehen, das deutsche Fernsehen zeigte exakt nichts vom Wettbewerb.

Indes ging Goldfavoritin Christina Schwanitz bei der Medaillenvergabe der Kugelstoßerinnen leer aus. Mit 19,03 Metern kam sie nur auf den sechsten Platz. Die Olympiasiegerin Michelle Carter wuchtete die Kugel über anderthalb Meter weiter (20,63 Meter).

Wo waren Michael Phelps und Katie Ledecky?

Wie immer länger auf dem Treppchen als im Wasser. Phelps gewann über die 100 Meter Schmetterling seine Olympiamedaille Nummer 27, sie ist silbern. Zu normal für Phelps' Befinden, er teilte die Medaille mit dem Südafrikaner Chad le Clos und dem Ungarn László Cseh – das Trio schlug hinter Olympiasieger Joseph Schooling aus Singapur gleichzeitig an.

Katie Ledecky musste derweil mit ansehen, wie ihr Weltrekord über die 800 Meter Freistil gebrochen wurde. Und zwar nach ihrem vierten Olympiasieg von Rio, den sie noch mal auf der Hallenleinwand sah. Bei 14 Sekunden Vorsprung ist nicht ausgeschlossen, dass Ledecky da bereits geduscht, gecremt, umgezogen und satt war.

Andere Auffälligkeiten?

Als Betätigung für ergraute Altbaubewohner, die sich nicht unter Niveau langweilen wollen, zeigte uns der Radsport mal wieder, wie sehr wir es unterschätzt hatten. Großbritannien raste im Teamsprint der Männer zum olympischen Rekord und brach in der Teamverfolgung gar seinen eigenen – im Vorlauf aufgestellten – Weltrekord. Das dritte Verfolgungsgold in Serie. Immer dabei: Ed Clancy. But what about Sir Bradley Wiggins? Zählt man Tattoos und seine acht olympischen Medaillen (fünf davon golden) zusammen, ist der Tour-de-France-Sieger von 2012 der uneinholbar bestdekorierte Olympionike in Großbritanniens Geschichte.

Dieselbe Siegerin wie in London fand auch das Trampolinfinale der Frauen: die kanadische Fahnenträgerin Rosannagh MacLennan. Merke: Eine Trampolinmedaille wird immer auch für Sprache vergeben. Die der Trampolinisten ist polysynthetisch wie die der Eskimos. Was bedeutet, dass selbst kuriose Abläufe wie der rückwärtige 5/4-Salto aus dem Bauch zum Stand mit einem einzigen Wort ("Cody") ausgedrückt werden. Die einzige deutsche Trampolinturnerin in Rio ("Leonie Adam") scheiterte noch in der Qualifikation. 

Und jenseits des Sports?

Es drehte sich auch wieder das sportthematische Perpetuum mobile Doping. Bereits Donnerstagnacht war man ob der Vorgeschichte des Gruppengegners der deutschen Beachvolleyballerinnen Ludwig/Walkenhorst zumindest irritiert: Die ursprüngliche Partnerin der Italienerin Marta Menegatti, Viktoria Orsi Toth, war im Juli positiv getestet, suspendiert und letztlich einfach durch eine andere Spielerin ersetzt worden.

Am Freitag beantragte eine chinesische Schwimmerin schließlich die Öffnung ihrer B-Probe und eine Anhörung, nachdem sie positiv auf ein dopingmaskierendes Mittel getestet worden war. Eine Hindernisläuferin aus Bulgarien, die ihre Unschuld beteuert, wurde wegen des Blutdopingmittels EPO suspendiert. Kenias Leichtathletikteam schickte einen Trainer nach Hause, der sich bei einer Dopingkontrolle für einen kenianischen Läufer ausgegeben und an seiner Stelle Urinproben und Unterschriften abgegeben hatte. "Insgesamt haben wir eine Konstellation, die man nur als unbefriedigend bezeichnen kann", sagte DOSB-Chef Alfons Hörman der ARD. "Weil über jedem Wettkampf jetzt die Frage steht: Haben wir wirklich Chancengleichheit?"

Wer gewann Gold?

  • Leichtathletik, 20 Kilometer Gehen der Männer: Wang Zhen (China), 10.000 Meter der Frauen: Almaz Ayana (Äthiopien), Kugelstoßen der Frauen: Michelle Carter (USA)
  • Radsport, Mannschaftsverfolgung der Männer: Clancy/Wiggins/Cavendish/Burke/Doull (Großbritannien), Teamsprint der Männer: Skinner/Kenny/Hindes (Großbritannien), Teamsprint der Frauen: Zhong/Gong (China)
  • Reiten, Dressur Mannschaft: Rothenberger/Schneider/Bröring-Sprehe/Werth auf Cosmo/Showtime/Desperados/Weihegold (Deutschland)
  • Schwimmen, 100 Meter Schmetterling der Männer: Joseph Schooling (Singapur), 800 Meter Freistil der Frauen: Katie Ledecky (USA), 200 Meter Rücken der Frauen: Madeline Dirado (USA)
  • Judo, Männer über 100 Kilogramm: Teddy Riner (Frankreich), Frauen über 78 Kilogramm: Émilie Andéol (Frankreich)
  • Gewichtheben, Männer bis 85 Kilogramm: Kianoush Rostami (Iran), Frauen bis 75 Kilogramm: Rim Jong Sim (Nordkorea)
  • Fechten, Mannschaftsflorett der Männer: Akhmatkhuzin/Scheremisinow/Safin (Russland)
  • Rudern, Zweier ohne Steuerfrau: Glover/Stanning (Großbritannien), Vierer ohne Steuermann: Gregory/Sbihi/Nash/Louloudis (Großbritannien), Leichtgewichts-Doppelzweier der Frauen: Paulis/Head (Niederlande), Leichtgewichts-Doppelzweier der Männer: Houin/Azou (Frankreich)
  • Tennis, Doppel der Männer: López/Nadal (Spanien)
  • Turnen, Trampolin der Frauen: Rosannagh MacLennan (Kanada)
  • Schießen, Skeet der Frauen: Diana Bacosi (Italien), 50 Meter Liegendgewehr der Männer: Henri Junghänel (Deutschland), Bogenschießen der Männer: Ku Bon Chan (Südkorea)

Olympische Spiele in 360