Am Schluss der Olympischen Spiele geht es immer zu wie in der Schule: Zeugnistag. Die Rektorenkonferenz des deutschen Sports – DOSB-Präsident Alfons Hörmann, sein Generalsekretär Michael Vesper und der Leistungssportdirektor Dirk Schimmelpfennig – verkündet im Keller des Deutschen Hauses die Noten. Es stinkt gewaltig, das liegt aber am Herrenklo, das an Verstopfung leidet. Doch schließt sich so auch symbolisch ein schöner Kreis, begann doch die Mission der deutschen Olympioniken damit, dass der Bogenschütze Florian Floto und andere erst mal die WCs im Athletendorf funktionsfähig machten.

In den olympischen Sportarten hat das Schuljahr 48 Monate. Aber Zielvereinbarungen gibt es für diese lange Zeit genauso wie an jeder guten Schule. Genauso viele Medaillen wie in London 2012 sollten es werden, nämlich 44. Noch sind die allerletzten Schlachten nicht geschlagen, aber so viel ist schon sicher: Das wird nix mehr. Und wer bekommt nun unter "besondere Bemerkungen" einen Tadel, wer hat nicht "geliefert", wie es im Sportjargon heißt? Kurzum: Wer ist schuld?

Das sind die Sportarten, die das Leistungsniveau für Medaillen eigentlich haben, aber es – Achtung, noch einmal Jargon – "nicht abrufen konnten". Sagt der Direktor Leistungssport. Und nennt sie beim Namen: Radfahrer: nur zwei statt der vereinbarten fünf bis neun Medaillen. Judoka: eine statt drei bis vier. Leichtathleten: Nach acht Medaillen in London war man mit vier bis sechs als Ziel bereits vorsichtig, am Ende errungen wurden nur drei. Von den Schwimmern, die schon in London nichts mehr gewannen, redet schon gar keiner mehr; Anschluss an die Weltspitze verloren, das Land von Franzi van Almsick und Michael Groß, Spitzname "Albatros", ist nun definitiv keine Schwimmnation mehr.

Dafür wurde deutlich öfter die deutsche Hymne bei einer Siegerehrung gespielt: 17 Goldmedaillen bis Sonntagmittag – das sind fünf mehr als in London. Im Medaillenspiegel, diesem globalen Zeugnis des nationalen Strebens, heißt das Platz vier nach Siegen und Platz fünf nach Gesamtzahl der Medaillen. "Frankreich und Australien wären da gerne", sagt der Direktor.

Und der Präsident verweist nicht ohne Genugtuung darauf, dass man Down Under gerade diskutiere, ob man den Sport nicht organisieren solle wie die erfolgreichen Deutschen – dabei hieß es noch vor vier Jahren, die Teutonen sollten sich an den erfolgreichen Aussies orientieren!

Winnetou im deutschen Gemüt

Verlass war wie immer auf den Winnetou im deutschen Gemüt: Schießen, reiten, Kanu fahren können Karl Mays Landsleute einfach. Und auch die Kopfnoten sind super. In Teamgeist gibt es eine glatte Eins; als man in den Katakomben von Maracanã vor dem Einlaufen zur Eröffnungsfeier gemeinsam die Nationalhymne sang, sei das "ein echter Gänsehautmoment" gewesen, sagt Michael Vesper.

Und während sich Amerikas Basketballer auf einem Kreuzfahrtschiff verkrochen und Australiens gesamtes Team in ein Hotel floh, wohnten die deutschen Superstars, der Golfer Martin Kaymer, die Tennisspielerin Angelique Kerber und auch die verwöhnten Fußballprofis gerne in den spartanischen Zimmern des Dorfes. Bescheidene, gute Gäste sind sie gewesen, "ein rundum gelungenes Auftreten im Dienste unseres Landes" hat Michael Vesper gesehen.

Seinem Präsidenten sind vor allem die Fächer Sauberkeit und Fairness wichtig, "der Medaillenspiegel war und ist nicht das Maß aller Dinge". Zumal er immer mehr unter einem Dopingvorbehalt steht – im sogenannten schwarzen Medaillenspiegel der nachträglich aberkannten Medaillen liegen im Moment Russland und die USA mit je elfmal Edelmetall gleichauf.