Sascha Klein wurde gefragt, wie er sich fühle. "Scheiße", sagte er und starrte ins Leere. Er sprach ganz leise, hatte die ein oder andere Träne im Auge und auch sein Kollege Patrick Hausding war im Schatten des olympischen Zehnmeterturms nicht gerade ein Ausbund an Heiterkeit.

Was war passiert? Hatten es die Synchronspringer so richtig verbockt? Hatten sie einen Bauchklatscher aufs Wasser gesetzt? Oder gar eine ihrer wirklich sehr eng sitzenden Badehöschen verloren? Nein, Hausding und Klein wurden Vierte. Nicht Erste, nicht Zweite, nicht Dritte, sondern Vierte. "Nur" Vierte, wie es so schön heißt, der "undankbare" Vierte. "Blech statt Bronze", war dann auch gleich eine der Schlagzeilen.

Das mit dem Blech ist nicht nur abfällig, sondern auch falsch. Eine Blechmedaille hing jedenfalls weder Hausding noch Klein um den Hals, das war recht deutlich zu erkennen. Aber so ist das in der Sportöffentlichkeit. Gold ist alles, Silber auch nicht schlecht, Bronze – na gut. Dahinter sind alle Verlierer. Dabei sein ist schon längst nicht mehr alles.

Das ist ein wenig zu kurz gedacht. Wenn nur die ersten drei Plätze zählen würden, müssten die meisten der olympischen Sportler sofort nach Hause fahren. Nur wenige haben überhaupt Medaillenchancen und noch weniger gewinnen welche. Etwa 11.000 Athleten sind in Rio, es gibt aber nur 306 Mal Gold, Silber und Bronze zu vergeben.

Natürlich ist ein vierter Platz nicht gleich ein vierter Platz. Für einen Deutschen Sprinter wäre er im 100-Meter-Finale eine Sensation, für Usain Bolt eine kleine Katastrophe. Es wird Hausding und Klein nicht trösten, aber eigentlich ist alles eine Frage der Perspektive. Der Faktor Erfolg wurde einst relativ willkürlich auf die drei ersten Plätze verteilt. Irgendwann hat sich das mal jemand so ausgedacht und niemand widersprochen. Aber genauso gut könnte der Viertplatzierte eine, sagen wir, Kupfermedaille bekommen. Genauso gut könnten die Treppchen vier Stufen haben und der Medaillenspiegel vier Spalten. Oder fünf. Oder sechs.

Während der Olympischen Spieler der Antike wurde zum Beispiel nur der Sieger geehrt, mit einem Palmzweig. Platz zwei war genauso wertvoll oder wertlos wie Platz acht. 1896 und 1900, während der beiden ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, wurden nur die zwei Besten mit Medaillen ausgezeichnet. Der Erste bekam Silber, der Zweite Bronze.

Die Goldmedaille wurde erst 1904 eingeführt, Silber und Bronze wurden einmal weitergereicht. Seit 1948 erhalten die Plätze 4 bis 6 zudem sogenannte olympische Diplome, seit 1984 auch der Siebt- und Achtplatzierte. Die Diplome kennt aber keiner. Jedenfalls hört man nie: Oh, er wurde nur 9., haarscharf am olympischen Diplom vorbei, welch’ ein Pech!

Glück, Schicksal haben entschieden

Die Öffentlichkeit braucht eben Einordnungen. Der Medaillenspiegel ist die Bundesligatabelle der Olympischen Spiele. Irgendworan muss man sich ja festhalten. Aber er verfehlt den Kern der Spiele. (Das ist auch ein Grund, warum wir ihn einmal neu gedacht haben.) 

Nun geht es im Sport natürlich um Leistung. Aber Sportler sehen Dinge meist realistischer als manche Beobachter. Sie vergleichen sich oft nicht mit dem Gegner, sondern mit sich selbst. Die Frage lautet: Habe ich für mich eine gute Leistung gebracht? War ich besser oder schlechter als ich es erhofft hatte? Für viele geht es darum, die eigene Leistung zu maximieren. Was dann am Ende herauskommt, liegt oft nicht in ihrer Hand. Sport hat viel damit zu tun, Faktoren wie Schicksal, Glück oder Tagesform, die oft über die Verteilung der Medaillen entscheiden, zu akzeptieren.