Vielleicht ist es das kurzärmelige blaue Hemd von Claude Onesta, dem französischen Nationaltrainer, das die Geschichte dieser Handball-Schlacht am besten erzählt. Über der Brust zerrissen ist es, als sich der 59-Jährige in die Pressekonferenz schleppt, müde und alt, wie er sagt. Offenbar hat das Leibchen den Emotionen am Ende dieser Partie nicht standhalten können. Wie auch?

Erst mit dem letzten Wurf in der allerletzten von 3.600 Spielsekunden haben sich die Franzosen den Einzug ins Finale gesichert, obwohl sie Mitte der zweiten Halbzeit schon mit sieben Toren Vorsprung geführt hatten. Doch dann fanden die Deutschen an diesem drittletzten Olympiatag noch einmal zu sich selbst. Und zerrten beinahe ein Spiel an sich, das sie eigentlich vom Anpfiff weg aus der Hand gegeben hatten.

Aber so sind sie halt. "It’s not a battle of skills, but a battle of wills", heißt es in jenem inzwischen legendären Dokumentarfilm über die Basketballer der Detroit Pistons, mit dem der deutsche Trainer Dagur Sigurðsson seine Spieler bis zur Selbstaufgabe auf einen defensiven, körperlichen Stil eingeschworen hat. "Der defensive Spieler darf nicht egoistisch sein, er muss disziplinierter sein als der offensive", lautet ein weiterer Schlüsselsatz aus dem Film. Die amerikanischen Bad Boys gewannen so mehrfach die NBA, die deutschen Handballer die Europameisterschaft. 

Aber jetzt, im siebten Spiel dieses olympischen Turniers, hätte zu Wille und einer Portion Bösartigkeit eine winzige Spur mehr offensives Können kommen müssen, um die vorletzte Stufe auf dem Weg zum Gold zu nehmen.

Zu Beginn beider Halbzeiten gelingt den Franzosen zunächst beinahe alles. Die deutschen Torhüter dagegen, in der Vergangenheit oft die Sieggaranten, können kaum einen Unhaltbaren halten; zu nah fliegen die gegnerischen Stürmer an sie heran. Damit nicht genug: Es gibt auch keine Chance zum schnellen Gegenstoß, mit dem die Deutschen in den vorangegangenen Spielen glänzten. Im Positionsangriff, bei dem man sich einer stets perfekt organisierten Abwehr gegenübersieht, fällt ihnen an diesem Tag zu wenig ein. Vielleicht fehlt auch schon ein wenig die Kraft, die man dafür braucht. Und wenn sie doch einmal durchkommen, und sei es mit schierer Gewalt, steht da Thierry Omeyer.

Eine Regeländerung macht das Spiel hektisch

Der französische Torwart ist die grauhaarige Eminenz seiner Zunft. Er bestreitet sein 343. Länderspiel, weit mehr als doppelt so viele wie sein erfahrenster deutscher Gegenspieler. Mit all seiner Routine hält er noch jene Bälle, bei denen ein deutscher Angreifer frei zum Wurf auf ihn zugeflogen kommt. Nur die Tore von Uwe Gensheimer, der am Ende auf elf Treffer kommt, halten den Europameister bis zur Pause halbwegs im Spiel. Und Sigurðssons Bereitschaft, immer wieder das Risiko von sieben gegen sechs einzugehen.

Es ist die einschneidenste Regeländerung im Handball seit langer Zeit: Jedes Team darf den Torwart jederzeit gegen einen siebten Feldspieler austauschen und kann so in Überzahl angreifen, riskiert damit aber natürlich Gegentreffer in seinen leeren Kasten. Die Deutschen experimentieren von allen Spitzenmannschaften am häufigsten mit diesem hasardeurhaften Bäumchen-wechsle-dich-Spiel.

Aber die Änderung ist umstritten, zum einen, weil das Spiel hektisch und unkontrolliert wird. Zum anderen, weil sich so auch der Nachteil einer Zweiminutenstrafe minimieren lässt. Trotz des Feldverweises kann die bestrafte Mannschaft mit sechs Feldspielern weiterspielen. Die Sanktion verliert ihre Zähne, das Spiel wird brutaler.

Nicht selten gibt es in der Future Arena der Handballer Momente zu bestaunen, die man eigentlich in der benachbarten Carioca Arena 2 erwartet: Da stehen die Ringer auf der Matte. Handball ist längst eine Art Kampfsport, entsprechend potenzieren sich die Emotionen, bei Spielern und Zuschauern. In diesem Halbfinale treffen zweimal 1,4 Tonnen geballter Siegeswille aufeinander – so viel bringen die beiden 14-köpfigen Kader jeweils auf die Waage.