Man hätte gerne das Gesicht von Thomas Bach gesehen, als er über die Pläne für die Eröffnungsfeier seiner ersten Sommerspiele als IOC-Präsident informiert wurde. Sie dürften in etwa so gelautet haben: "Wenn wir die Stimmung mit fetziger Musik auf den Höhepunkt getrieben haben, zeigen wir ganz groß verschiedene Klimamodelle. Aus dem Off erklärt ein Erzähler mit belegter Stimme, wie scheiße es um den Planeten steht. Und dann machen wir eine richtig geile Simulation, wie bei steigender Erderwärmung die schönsten Städte der Welt im Meer versinken, von Amsterdam bis Rio de Janeiro."

Als wenn Bach nicht schon genug Probleme hätte: Die Ausrichterstadt pleite, die Zika-Mücke noch lebendig und so viele Russen am Start, als hätten Putins Staatsdoper in Wahrheit nur Fassbrause getrunken. Und als sich diese Problemspiele endlich der Startlinie entgegenrobben und der Sport von allem Elend ablenken soll, kommt der Regisseur der Zeremonie und malt nichts Geringeres als den Weltuntergang in schönsten digitalen Farben auf die riesige Leinwand, die den Boden im Fußballstadion Maracanã bedeckt. Dabei sei der Sport doch, so Bachs liebstes Mantra, überhaupt nicht politisch.

Fernando Meirelles beweist das Gegenteil. Der Regisseur hat den Höllenjob, die größte Inszenierung der Welt zu verantworten, nur unter einer Voraussetzung angenommen: dass er vor dem größten Publikum der Welt seine Botschaft loswerden darf. Und die ist ganz einfach. Weltfrieden allein reicht nicht – wir brauchen auch Frieden mit der Welt! Erdlinge, lasst uns den Planeten retten! Um das den 60.000 Zuschauern im Stadion und den drei Milliarden an den Bildschirmen und Displays weltweit mitzugeben, hat er sogar wiederholte und radikale Budgetkürzungen hingenommen; am Ende hat er vier Feiern entworfen, jede neue eine Nummer kleiner als die zuvor. Ein Zehntel des Budgets der Eröffnung von London 2012 stand ihm letztendlich zur Verfügung, kaum mehr als drei Millionen Euro.

Der Star ist die Spidercam

Wie er aus dem Sparzwang ein Ereignis macht, ist schon clever. Nach fünf Minuten knattert das erste Feuerwerk über dem Stadiondach, traditionellerweise der Schluss- und Höhepunkt olympischer Eröffnungen – hier wird alles gegen den Strich gebürstet. Die brasilianische Nationalhymne, eigentlich eine ziemlich martialische Angelegenheit für Militärkapellen, klingt bei Paulinho da Viola und seiner Gitarre unplugged und wie ein Bossa nova. Nach den digitalen Materialschlachten der vergangenen Olympiaden setzt Meirelles auf den Geist von Lowtech; "das meiste dieser Show hätten die Griechen vor ein paar Tausend Jahren auch schon machen können!", hat er vorab keck behauptet.

Das ist natürlich eine schöne Lüge; meisterhaft bespielt der Regisseur mit seinem Videoproduktionsteam die riesige Projektionsfläche. Viele der verblüffenden Effekte bekommen die Zuschauer in der mythischen Schüssel von Maracanã freilich gar nicht mit, weil sie für die Vogelperspektive choreographiert und programmiert sind. Dies ist durch und durch eine TV-Show, deren eigentlicher Star die hoch über dem Geschehen an Drahtseilen hin- und hersausende Spidercam ist. Sie setzt die Entstehung des Lebens aus dem Urschleim genauso eindrucksvoll ins Bild wie die Verwandlung des paradiesischen Regenwalds in eine durchorganisierte, restlos ausgebeutete Kulturlandschaft. 

Das erinnert ein bisschen an das Londoner Zeremoniell vor vier Jahren, bei dem Großbritanniens liebliche Auen von der industriellen Revolution verwüstet wurden, ehe dem Stahlbad der Hüttenwerke die olympischen Ringe zur Erlösung der von sich selbst geknechteten Menschheit entstiegen. Das Livepublikum von Rio lässt sich von der ähnlich kunstvoll inszenierten Vertreibung der indigenen Urbevölkerung aus ihrem Regenwaldparadies die gute Laune nicht verderben; die ersten La-Ola-Wellen sind schon vor dem Countdown um 19.59 Uhr und 50 Sekunden durchs Rund gerollt. Später singen die Zuschauer inbrünstig bei den größten brasilianischen Hits aller Zeiten mit, von Gilberto Gils Aquele Abraço bis zu Antônio Carlos Jobims Girl from Ipanema. Da läuft selbst den abgezockten Olympiazynikern auf der Pressetribüne manche Gänsehaut rauf und runter. Und nachdem das ganze Stadion den sogenannten Baile Charme tanzt und diverse Musikstile im sportlichen Wettstreit gegeneinander antreten, ist die Stimmung wieder so, wie sie bei der Bewerbung um die Spiele vor mehr als sieben Jahren gewesen sein muss.