Jeden Morgen hält Dilmar einen Sonnenschirm in der Hand. Es könnte auch ein Regenschirm sein, so klar ist das nicht, es regnet sehr viel in diesen Tagen in Rio. Auf den Schirm sind die schönsten Sehenswürdigkeiten gedruckt: der Christus, der Zuckerhut, die Copacabana, das Maracana. Umgerechnet 6 Euro kostet er. In seinem Koffer liegen auch Schlüsselanhänger, Flaschenöffner und Kühlschrankmagneten. Er sei günstig, sagt Dilmar, woanders, am Fuße der Christusstatue zum Beispiel, zahle man fünfmal so viel.

Es ist davon auszugehen, dass das IOC und die Organisatoren der Olympischen Spiele Dilmar nicht mögen. Sie wollen, dass die Besucher ihre Schlüsselanhänger, Flaschenöffner und Kühlschrankmagneten in einem der offiziellen olympischen Megastores kaufen, nicht aus Dilmars Köfferchen. Aber das ist es nicht nur. Vor allem stört Dilmar. Sein Shirt wird ihnen zu speckig sein, seine Augenringe zu tief, sein Werben ein wenig zu aufdringlich. Dilmar kratzt an der schönen Olympiawelt. Dilmar ist zu echt.

Er hat seinen mobilen Verkaufstand nämlich genau vor einem der Hotels aufgeschlagen, die das IOC für Journalisten, Freiwillige, Dopingkontrolleure und sonstige Olympiamenschen reserviert hat. Für die Menschen also, die so wenig wie möglich mit dem Leben im Gastgeberland belästigt werden sollen, schon gar nicht mit dessen Problemen. Sie sollen unter sich bleiben und vom Olympiahotel mit den Olympiabussen auf der Olympiaspur in die Olympiastadien oder ins Olympiapressezentrum fahren.

Oft schon wurden die Olympischen Spiele mit einem Raumschiff verglichen. Alle zwei Jahre landet es irgendwo und nach gut zwei Wochen hebt es wieder ab, dann landet es wieder. Nächste Stadt, gleiche Veranstaltung. Immer sieht alles gleich aus, glitzernd und glatt. Das ist auch ein Grund, warum der Name des Austragungsortes auf dem Logo steht: Damit niemand vergisst, welche Stadt er gerade im Fernsehen sieht.

In diesem Jahr ist es sehr kompliziert. Wirkt das Raumschiff in Städten wie London oder Sotschi nur überflüssig, vielleicht grotesk, ist seine Landung in Rio de Janeiro unverantwortlich. In einer Stadt, in der Millionen Menschen in Favelas leben, die rechts und links entlang der eigens gebauten Olympiastraßen kleben, aber nichts von diesen Spielen haben.

In einer Stadt, in der es Schulen und Krankenhäuser braucht, eine Wildwasserkajakstrecke eher nicht, sind die echte Welt und die vom IOC geschaffene nur schwer vereinbar. Nirgendwo waren die Gegensätze bisher größer. Nirgendwo zuvor wurde die Scheinwelt des IOC so schnell und hart von der Realität eingeholt.