ZEIT ONLINE: Herr Clarke, an diesem Samstag beginnt die Premier League, die reichste Liga der Welt. Kann man den englischen Fußball noch lieben?

Stuart Clarke: Die Entscheidung bleibt jedem selbst überlassen. Aber wenn Sie mich fragen: Ich tue es weiterhin aus vollem Herzen mit jeder Faser meines Körpers. Fußball ist noch immer die schönste Sache der Welt.

ZEIT ONLINE: Selbst dann, wenn Manchester United 105 Millionen Euro für Paul Pogba bezahlt?

Clarke: Ich liebe nicht bedingungslos. Natürlich verurteile ich die Gewalt von Hooligans, Menschen, die sich durch den Fußball ohne Rücksicht auf Verluste die Taschen voll machen, und selbstverständlich sind die Pogba-Millionen vollkommen absurd, darüber hinaus nur die Spitze eines zum Teil hochabsurden Systems. Aber Manchester United ist trotzdem noch immer ein bewundernswerter Verein. Die Premier League ist zwar längst eine Art Weltliga, aber ich mag sie noch immer. Die Menschen haben sicherlich die unterschiedlichsten Gründe, warum sie zu einem Premier-League-Spiel gehen, aber eines eint sie letztlich dann doch: die Liebe zum Fußball. Da kann kein Geld der Welt etwas dran ändern.

ZEIT ONLINE: Seit Sie als Reaktion auf die Katastrophe von Hillsborough von 1989 und den die englische Fankultur nachhaltig verändernden Taylor-Report mit der Dauer-Fotoserie The Homes of Football begannen, gelten Sie als Haus- und Hoffotograf der englischen Fankultur. Jetzt haben Sie ein neues Projekt, Britain´s Forgotten Football Towns. Was hat es damit auf sich?

Clarke: Die Aufmerksamkeit für die Premier League ist enorm. Was beeindruckend ist, gleichzeitig aber auch sämtliche Beachtung absorbiert, die andere Vereine auch verdient hätten. Ich habe mich gefragt: Was ist eigentlich mit all den anderen Klubs in England, Wales oder Nordirland? Wer sind die Menschen, die sich in der vierten Liga Grimsby Town anschauen? Was fasziniert an der Hope Valley Amateur Football League? Also bin ich losgefahren und habe mich auf die Suche nach diesen vergessenen Fußballorten gemacht. Einige habe ich schon besucht, viele weitere werden folgen. Es gibt tausende Klubs in Großbritannien, am liebsten würde ich sie alle besuchen. Es lohnt sich jedes Mal, das ist für mich Teil meiner fortwährenden Entschlüsselung der britischen Fußballseele. 

ZEIT ONLINE: Gab es einen bestimmten Auslöser für dieses Projekt?

Clarke: Ähnlich wie damals Hillsborough, als mich die Katastrophe dazu bewegt hat, den Menschen zu zeigen, wie großartig Fußball und Fans trotzdem sein können, war es diesmal wieder ein Ereignis, das großen Einfluss auf die hiesige Gesellschaft hat: der Brexit. Ich habe dagegen gestimmt, aber ich muss die Meinung meiner Landsleute respektieren. Ihre Sehnsucht nach lokaler Identifikation. Was bietet sich besser an als der Fußball?

ZEIT ONLINE: Ist Ihre Arbeit politisch?

Clarke: Nicht falsch verstehen: Meine Fotos sollen nicht politisieren, sondern die Liebe für Menschen, Orte und Vereine zeigen. Mein Vorbild ist übrigens ein Deutscher: August Sander, der 1929 seinen Fotoband Antlitz der Zeit veröffentlichte. Seine Idee war meiner ähnlich: Er ging zu den Orten und Städten und machte Porträts von ganz normalen Menschen, die dort wohnten, um dadurch einen Einblick in die deutsche Gesellschaft zu erhalten. Das ist ihm hervorragend gelungen.