Nicht einmal die Sonne scheint. In den beiden Tagen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele, an denen viele Sportler und Touristen anreisten, versteckte sie sich meistens hinter dicken, dunklen Wolken. Wer Rio de Janeiro da zum ersten Mal sah, musste erkennen, dass auch eine der magischsten Städte der Welt ohne Sonne blass sein kann. Alles war grau, die goldenen Strände, die grünen Regenwaldhügel, selbst das sonst tiefblaue Meer sah aus wie die Nordsee. Die Wolken haben Rio die Farben geklaut. Manche sagen, dass sie sich nicht so schnell verziehen werden.

Was haben sie 2009 gefeiert, als die Stadt die Spiele zugesprochen bekam. Überraschend hatte sich Rio durchgesetzt gegen Tokio, Doha, Madrid und sogar Chicago, das gar Barack Obama ins Rennen geschickt hatte. Tausende Menschen versammelten sich am Strand von Copacabana. Sie schrien und tanzten. Die Spiele waren ein Versprechen. Der große Triumph eines nicht zu bremsenden Landes. Und endlich könnten die größten Probleme der bekanntesten Stadt dieses Landes angegangen werden: das Verkehrschaos, der Dreck, die mangelhaft ausgestatteten Krankenhäuser, vielleicht sogar die krasse soziale Ungleichheit. Vieles schien möglich.

Heute tanzt kaum noch jemand. In einer Umfrage im Juni meinten 63 Prozent der Brasilianer, Olympia würde ihrem Land schaden. 51 Prozent interessierten sich kein bisschen für die Spiele, 33 Prozent nur wenig. Fast jeder, den man auf Olympia anspricht, rollt mit den Augen. Oder fängt an zu schimpfen. Weil die Versprechen gebrochen worden, fast alle.

Olympische Spiele - "Was passiert danach?" In Rio de Janeiro sichern ungewöhnlich viele Polizisten und Soldaten die Stadt. Viele Einwohner freuen sich über diesen kurzfristigen Schutz vor Überfällen.

Die Kameramänner aus aller Welt haben nun Mühe, Bilder von fröhlichen Brasilianern zu finden, die sie nach Hause senden können. Hotelzimmer bleiben leer, Olympiatickets ohne Abnehmer. Für den Tag der Eröffnungsfeier sind Proteste von Olympiagegnern angekündigt.

An der Copacabana, wo damals die Party stattfand, haben sie jetzt fünf übergroße Ringe aus recycelbarem Material aufgestellt. Ein paar Touristen bleiben stehen, posieren mit den Ringen, machen Erinnerungsfotos. Die Brasilianer kümmern sich nicht drum. Es gibt ein Video von der Einweihung Mitte Juli. Darauf tragen Menschen dicke Jacken. Wenn es weniger als 20 Grad sind, fühlen sich die Brasilianer wie in Sibirien. Es wird höflich geklatscht vor den Ringen, ungefähr so enthusiastisch wie bei der Einweihung eines Autohauses in der Vorstadt. Und der Himmel: grau.

Statt fröhlichen, feiernden Menschen zeigen die Kameramänner in diesen Tagen, wie die olympische Fackel auf ihrem Weg durch Brasilien dreimal von Demonstranten gelöscht wurde. Oder wie in einem Vorort von Rio die Militärpolizei eine Gruppe mit Tränengas und Gummigeschossen auseinandertreiben musste, ein zehnjähriges Mädchen wurde verletzt. In Angra dos Reis griffen streikende Lehrer nach der Fackel und inszenierten ihren eigenen, kleinen Protestlauf. Die Lehrer wollten eigentlich nur ihr Gehalt, das sie monatelang nicht erhalten hatten, weil der Bundesstaat Rio de Janeiro so gut wie pleite ist.

Täglich sterben Menschen

"Ich bin wütend", sagt Sandro Menezes, ein Grafiker und Anti-Olympia-Aktivist aus Rio. Brasilien und vor allem Rio seien ein schlechterer Ort als noch vor Jahren, bevor die Fußball-WM und die Spiele kamen. "Wir wurden an die großen Bauunternehmen verkauft", sagt er. "Die Konsequenzen sind für die Stadt nicht wieder gutzumachen."

Das olympische Dorf zum Beispiel, das wie der Olympiapark mit den meisten Wettkampfstätten weit entfernt vom eigentlichen Rio in einem Vorort namens Barra de Tijuca liegt, wurde von der Firma des 91-jährigen Milliardärs Carlos Carvalho gebaut. Irgendwann nach den Spielen darf er dafür die 3.604 Wohnungen des Dorfes verkaufen, an die Ober- und Mittelschicht. Auf Carvalho wartet wieder eine Menge Geld.

Gleichzeitig wurden für die Spiele 77.000 Menschen umgesiedelt. Und bei der sogenannten Befriedung der Favelas, die die Stadt sicherer machen sollte, sterben täglich viele Menschen, vor allem Schwarze. "Ich habe keine Angst vor Terroristen", sagt Sandro Menezes. "Bei uns kommt der Terrorismus von der Regierung und er richtet sich gegen Arme und Nichtweiße."