Kalter Krieg im Schwimmbecken – Seite 1

Es war kurz nach Mitternacht in Rio de Janeiro, als im olympischen Schwimmstadion die letzte Siegerehrung des Montags über die Bühne ging. Fanfaren, Medaillen, Maskottchen, dazu jede Menge Fotografen und Journalisten am Beckenrand und auf der Tribüne. Auf den Rängen hingegen: Leere. Einzig in einer Ecke im zweiten Rang waren noch einige russische Sportler zu sehen. Der Rest der Athleten hatte sich kurz zuvor verabschiedet,  Zuschauer waren auch nur wenige noch da.

Vielleicht hatte das mit einer der Auszuzeichnenden zu tun. Die Siegerehrung galt den schnellsten Schwimmerinnen über 100 Meter Brust. Im Zentrum: die neue Olympiasiegerin Lilly King aus den USA. Rechts neben ihr die Russin Julija Jefimowa, Silber. Der Jubel fiel leise aus. Immerhin gab es diesmal keine lauten Buhrufe von den Rängen, wie bei jedem ihrer Auftritte zuvor.

Jefimowa wurde zum Ziel eines Protests, der diese olympischen Schwimmwettbewerbe überlagert und der grundsätzlich geworden ist. Lange hielten Athleten den Mund. Doch nun vernimmt man neue Töne, die es im seit Jahrzehnten unter Dopingverdacht stehenden Schwimmsport noch nicht gegeben hat, schon gar nicht in dieser Deutlichkeit. Es ist ein Protest gegen einzelne Betrüger, auch gegen das System, das erneut die Chance ausgelassen hat, sich für klare Regeln und Strafen sowie für einen sauberen Sport einzusetzen.

Jefimowa war im Herbst 2013 positiv auf das Steroid DHEA getestet worden, wurde aber nicht, wie eigentlich vorgesehen, für zwei Jahre gesperrt. Der Weltschwimmverband Fina reduzierte die Sperre auf 16 Monate, damit sie im Sommer 2015 an der Heim-WM in Kasan dem einflussreichen russischen Verband gold- und bronzefarbene Momente bescheren konnte.

Weil sie später gleich mehrfach positiv auf das seit Jahresbeginn verbotene Herzmittel Meldonium getestet wurde, hatte die Fina sie im März dieses Jahres erneut suspendiert. Als Wiederholungstäterin drohte ihr eine lebenslange Sperre. Im Juli wurde sie aber freigesprochen. Begründung: Es sei unklar, wie lange der Körper brauche, um das Mittel abzubauen. Jefimowa darf sogar in Rio teilnehmen, weil sie ihr Startrecht kurz vor den Spielen eingeklagt hat.

Vor dem Hintergrund der Enthüllungen über russisches Staatsdoping und der Weigerung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Russland von den Spielen 2016 auszuschließen, manifestierte sich der Unmut vieler Darsteller der bunten Schwimmshow an Jefimowa. Bei jedem ihrer Starts gab es Pfiffe. Kein Interview ohne Fragen nach ihrer Berechtigung, am größten Sportfest der Welt teilzunehmen. 

Besonders trifft Jefimowa die Kritik der Konkurrenz. Von der Olympiasiegerin King, die ihr nicht zur Medaille gratulierte, gab es kein Mitgefühl für die 24-Jährige Kontrahentin. Es sei ein Sieg des sauberen Sports, sagte King mit geradem Rücken und fester Stimme auf der Pressekonferenz.

Jefimowa, offensichtlich erschöpft von den Ereignissen der vergangenen Tage, sagte am anderen Ende des Podiums mit zugeschnürter Kehle: "Die Athleten sollten über der Politik stehen. Stattdessen schauen sie Fernsehen und glauben alles, was sie lesen. Ich dachte immer, der Kalte Krieg wäre lange vorbei. Warum wollt ihr ihn mithilfe des Sports wieder starten?"

Sieg für die Guten

Auch Wladimir Salnikow, Präsident des russischen Schwimmverbandes, bediente sich später dieser martialischen Metapher. Er sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Situation sei vergleichbar mit der Vergangenheit, "als wir den Kalten Krieg hatten, alles sich nur um Russland gegen Amerika drehte und viele Leute Öl ins Feuer gossen, um die Flamme größer zu machen."

Ausgelöst hat die Protestwelle Mack Horton. Der australische 400-Meter-Freistil-Olympiasieger hatte Weltmeister Sun Yang einen Doping-Betrüger genannt, seinen späteren Sieg gegen den Chinesen als "Sieg für die Guten" gefeiert. Auch mit Sun Yang gibt es eine absurde Geschichte mit einem positiven Test. Ihn erwischte man im Frühjahr 2014 mit dem verbotenen Herzmittel Trimetazidin.

Doch die Öffentlichkeit erfuhr davon erst ein halbes Jahr später. Angeblich war es im Juli zu einer Anhörung gekommen. Sun Yang hatte angeführt, ein Medikament verwendet zu haben, das Trimetazidin enthält. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass diese Substanz seit Anfang des Jahres auf der Doping-Liste steht.

Verdächtige Leistungssteigerungen

Der chinesische Verband wollte es anschließend bei einer Verwarnung belassen, verhängte dann aber auf Drängen der Fina – so zumindest stellt es der Weltverband dar – die vorgesehene Sperre. Für drei Monate, von Mai bis Juli. Rückwirkend! Informiert wurde niemand, auch nicht die Welt-Doping-Agentur (Wada), die die Sperre nach einer Rüge für den Verband akzeptierte.

Als sich der 1,98-Meter-Mann Sun Yang nach der verpassten Titelverteidigung über 400 Meter Freistil Olympia-Gold über die halbe Distanz sicherte, drückte ihn Fina-Generalsekretär Cornel Marculescu an die Brust. Ohnehin empfahlen IOC und Fina, man solle sich doch bitte wieder lieb haben.

Horton hat mit seiner Kritik an Sun Yang andere ermuntert. Die zeigten danach im Kampf um ihren Sport Haltung und verschanzten sich nicht mehr hinter ihren "Ich schaue nur auf mich"-Kommentaren. Der Rekord-Olympionike Michael Phelps etwa befand, es könne nicht sein, dass Athleten nach mehreren positiven Dopingtests wieder an Wettkämpfen teilnehmen dürften. "Das ist gegen alle Werte des Sports, das kotzt mich an, das bricht mir das Herz."

Schwedens Ass im Brustschwimmen, Jennie Johansson, fühlte sich um ihren Finalplatz betrogen. Sie postete im Internet: "Mein Herz und mein Kopf werden im Finale schwimmen, auch wenn die eigentliche Bahn von einer besetzt ist, die es nicht verdient hat."

Nicht nur die Athleten, auch viele Trainer bezogen Stellung. "Wir müssen uns nach den Spielen an einen Tisch setzen und Klartext reden," sagte Frank Embacher, der Coach von Paul Biedermann. "Es kann nicht sein, dass wir alle zulassen. Wir brauchen klare Regeln, da muss das IOC auch mal eine führende Rolle einnehmen und nicht immer nur die Bälle zurückspielen." Er hatte schon im Juni, als klar wurde, dass auch der im Herbst 2014 positiv auf das anabole Steroid Nebido getestete Südkoreaner Park Tae-hwan sich nach Rio geklagt hatte, gesagt: "Jetzt wird es albern."

Kritik auch an US-amerikanischen Leichtathleten

Andere erweitern die Debatte. Der Chefbundestrainer Henning Lambertz warnt davor, das Dopingproblem im Schwimmsport nur an einer Nation oder gar einer Person festzumachen. Lambertz empfiehlt einen Blick auf die Entwicklungsdaten einiger anderer Schwimmer, "die, ohne dass sie den Trainingsort oder den Trainer gewechselt oder sonst irgendwelche Dinge geändert hätten, Sprünge von drei oder vier Sekunden über gewisse Distanzen machen." Das lasse Fragezeichen entstehen.

Manche Weltrekorde ließen sich durch Veränderungen im Training oder im Umfeld erklären. "andere bleiben unerklärlich", sagte Lambertz. Den Blick nur auf die Russen zu richten, "das ist mir zu einfach." Und Biederman selbst sagte: "Es ist nicht der Athlet, es ist das System."

Den Vorwurf, Kalten Krieg zu spielen, muss sich die Olympiasiegerin Lilly King jedenfalls nicht gefallen lassen. Als sie gefragt wurde, ob US-Athleten mit Doping-Vergangenheit wie Sprinter Justin Gatlin oder Tyson Gay es verdient hätten, dem Team USA anzugehören, versuchte sie keine Ausflüchte: "Ob ich meine, dass Leute, die des Dopings überführt wurden, im Team sein sollten? Sie sollten es nicht. Es ist bedauerlich, dass wir so etwas erleben müssen."