Nadia Comăneci ist auch da. Die Rumänin war die erste Turnerin in der Geschichte der Olympischen Spiele, die eine 10,0 bekam, die eigentlich unerreichbare Höchstnote. 1976 in Montreal war das, die Älteren werden sich erinnern. Comăneci wurde mit 14 Jahren zur Legende, gewann später insgesamt neun Medaillen, floh in die USA und fand ihr Leben in Filmen und Büchern wieder. Und jetzt steht eben diese Comăneci in Rio de Janeiro und schwärmt der Hallensprecherin von der "unglaublichen Performance" vor, die sie gerade gesehen hatte.

Die Begeisterung Comănecis gilt den amerikanischen Turnerinnen, die an diesem Dienstagabend die Goldmedaille im Mehrkampf gewonnen hatten. Und dort vor allem einer Frau. Einer Frau, die Comăneci den inoffiziellen Titel der besten Turnerin aller Zeiten bald streitig machen könnte. Für einige ist die Entscheidung schon längst gefallen. Zu Ungunsten der Rumänin.

Es geht um Simone Biles, 19 Jahre alt, abseits der Turngeräte ein typischer amerikanischer Teenager, der herumgiggelt und eines der breitesten Lächeln der mehr als 11.000 Olympioniken ihr Eigen nennen darf. Die englischsprachigen Medien waren schon längst im Biles-Fieber, da hatte sie noch keinen Fuß auf eine brasilianische Turnmatte gesetzt. Sie ist ein Liebling der bunten Blätter, weil sie mit Kim Kardashian twittert, prominente Fans wie Samuel L. Jackson und Hillary Clinton hat, und weil sie zugab, in Zac Efron verknallt zu sein.

Einige Experten sehen Simone Biles gar schon jetzt als eine der größten Sportlerinnen aller Zeiten. Auf Augenhöhe – bei 1,44 Meter ist das vor allem metaphorisch zu verstehen – mit Michael Phelps oder Usain Bolt. Nun, möglicherweise hat da nicht einmal jemand übertrieben.

Für den Rest bleibt höchstens Platz zwei

Man kann versuchen, die Faszination für Simone Biles in Zahlen auszudrücken. Im Teammehrkampf bekam Biles die jeweils höchsten Punkte aller Teilnehmer am Schwebebalken, am Boden und beim Sprung, nur den Stufenbarren mag sie nicht so. An ihren drei starken Geräten wird sie, sofern sie nicht von der Kameradrohne erschlagen wird, Gold gewinnen. Ebenso im Mehrkampf. Die Goldmedaille im Teamwettkampf hat sie schon. Fünfmal Gold – das hat bei einzelnen Olympischen Spielen noch keine Frau geschafft.

Noch mehr: Biles hat bereits die drei letzten Weltmeisterschaften im Mehrkampf gewonnen, hat insgesamt zehn Goldmedaillen, was sie schon jetzt zur erfolgreichsten WM-Teilnehmerin aller Zeiten macht. Biles' Konkurrentinnen freuen sich mittlerweile über Platz zwei wie über einen Sieg, weil die eine ja außer Konkurrenz turnt.

Aber Sport ist zum Glück mehr als Zahlen. Sport ist Augenschein. Dabei ist es zunächst gar nicht so einfach, so einen Turnmehrkampf in der Halle zu verfolgen. Ähnlich wie in einem Leichtathletikstadion sind oft mehrere Sportler parallel zugange. Da kann es sein, dass eine Turnerin gerade für ihren Abgang am Stufenbarren mit Applaus bedacht wird, während dahinter eine Konkurrentin zum Sprung anläuft. Zugleich dröhnt die Musik der Sportlerin durch die Halle, die ihre Bodenübung absolviert, was rhythmisch so gar nicht zu den Bewegungen der Turnerin auf dem Schwebebalken passt. Es ist oft ein großes Durcheinander.