Was war denn da los? Ma Long lag zurück. Ja, der Ma Long. Der Außerirdische, der Millionär, die Nummer eins der Welt, der Olympiasieger im Einzel, der Usain Bolt des Tischtennis. 9:4, sein Gegner Kōki Niwa aus Japan brauchte nur noch zwei Pünktchen zum Satzgewinn, die Zuschauer rieben sich die Augen, als galoppierte ein pinkfarbenes Einhorn durch die Halle. Dann aber tat Ma Long, was Ma Long immer tut: richtig gutes Tischtennis spielen. Sieben Punkte in Serie, 11:9, der Satz war seiner, das Spiel auch, er gewann 3:0.

So ging es weiter. Chinas Männer gewannen Mittwochnacht Mannschaftsgold, 3:1 gegen Japan. Auf keine der zu vergebenen 306 Goldmedaillen konnte man vor diesen Spielen so guten Gewissens Haus und Hof verwetten wie auf die Chinas im Tischtennis. Leider springt als Gewinn nicht mal ein Sack Reis heraus. China dominiert diesen Sport wie keine andere Nation irgendeinen anderen bei Olympia.

Es war das perfekte Ergebnis. Die beiden Chinesen im Einzel trafen sich im Finale. Die beiden Chinesinnen auch. Also Gold und Silber im Einzel, dazu Mannschaftsgold, einmal für die Frauen, einmal für die Männer. Mehr Medaillen wurden es deswegen nicht, weil nicht mehr Chinesen starten durften.

Aber ist das nicht irgendwann langweilig? Schadet diese Dominanz nicht dem Sport? "Eine Übermacht tut natürlich nie gut", sagt Thomas Weikert. Der große Hesse passt auf, dass er nach dem letzten Spiel nicht von den chinesischen Reportern über den Haufen gerannt wird, die sich um ihre Sportstars schlagen. Er ist der Präsident des Welttischtennisverbandes (ITTF) und muss qua Amt dafür sorgen, dass seine Sportart attraktiv bleibt.

Bei den Frauen könne man gegen China realistisch gesehen nicht gewinnen, sagt er. Bei den Männern gebe es schon manchmal Gegenwehr, das sei nicht immer so klar, aber auch bei ihnen klaffe ein Loch hinter den Chinesen. Weikert sagt aber auch: "Erst mal ist es ja kein Fehler der Chinesen, dass sie so gut sind."

China gegen China sehen die Leute nicht gerne

Auch die Zuschauer im Pavillon 3 in Rio waren sich nicht ganz sicher, was sie von der Einseitigkeit des Dargebotenen zu halten hatten. Einerseits kann sich jeder, der einmal Ma Long in echt hat spielen sehen, nur wünschen, er möge nie wieder aufhören. Sein Vorhand-Angriffsschlag ist schon jetzt ein Fall fürs Sportmuseum. Er legt Bälle auf die Platte, die die brasilianischen Fans aufspringen, sich an den Kopf fassen und ungläubig umschauen lassen. Ma Long ist ein Zauberer.

Andererseits gehört zum Charme eines sportlichen Wettkampfs auch der ungewisse Ausgang. Niemand möchte, dass immer nur einer gewinnt, das gilt für den FC Bayern genauso wie für Chinas Pingpongprofis. Deshalb schlagen sich die Brasilianer schnell auf die Seite des Außenseiters. Als Xu Xin, der schwächste der Chinesen, sein Spiel gegen den besten Japaner Jun Mizutani in einem Fünf-Satz-Krimi verlor, wurde es laut. "Nippon, Nippon", riefen die Zuschauer immer wieder, angetrieben von einem Japaner in undefinierbarem Kostüm. Es war dann aber schnell wieder vorbei, der Japaner setzte sich wieder.

"China gegen China sehen die Leute in China nicht so gerne", sagt Weikert. Die olympischen TV-Quoten hätten gezeigt, dass die Einzelfinals weniger geschaut wurden als die Spiele, bei denen Chinesen gegen andere Nationen ranmussten. Die Chinesen merken also selber, dass ihre Übermacht ihrem Sport nicht guttut, ihnen auch nicht.