Es lief Bob Marley. Usain Bolt lief seine Ehrenrunde, eine jamaikanische Fahne um die Schultern geschwungen und verbeugte sich vor den Zuschauern. Die Stadionregie spielte dazu One Love ein, den melancholischsten Marley-Song, der von der Liebe der Menschen handelt. Nicht der romantischen, sondern der Liebe zum Frieden und zu seinem Nächsten. Es ist Bolts Lieblingssong.

Die Liebe und Bolt, das ging an diesem Abend in eine klare Richtung. Bolt betont zwar in diesen Tagen auch immer, wie sehr es ihm das brasilianische Publikum angetan hat, aber es ist vor allem er, der Liebe empfängt. Schon wenn die Brasilianer Bolt nur sehen, fangen sie an zu schreien und hüpfen und winken. Er ist das Ereignis dieser Olympischen Spiele und er genießt es.

Eine der größten Karrieren neigt sich dem Ende zu

An diesem Abend war die Bühne noch einmal seine. 200 Meter im Vollsprint, sein Lieblingsrennen, und wohl das letzte olympische Einzelrennen, das Usain Bolt gelaufen war. Immer gab es am Ende eine Goldmedaille, doch im kommenden Jahr soll Schluss sein. Jetzt, hier, das spürten alle, trudelte eine große Karriere aus. Einmal das Staffelrennen noch, vielleicht noch ein Kurzauftritt bei der WM in Portland im kommenden Jahr und dann wird er für immer von der Bahn spazieren, der beste Sprinter seiner Zeit, der schnellste Mann aller Zeiten.

Es war jetzt seine achte Goldmedaille; und wie er wieder dominiert hatte: Schon in der Kurve lief er weit vorne weg, obwohl man immer denkt, so eine Kurve ist für so einen großen Sprinter mit so langen Beinen viel zu eng. Er wirkt wie ein Ferrari in Rothenburg ob der Tauber. Im Ziel blieb die Uhr bei 19,78 Sekunden stehen, der Kanadier Andre De Grasse brauchte als Zweiter 20,02 Sekunden.

Wie Bolt allen davonläuft: Das sind die Bilder, die bleiben werden von diesen Spielen. Auf einigen lächelt er, während er sich umschaut. Erst kommt er und dann lange nichts, spannend wird es erst hinter ihm. Zwischen Platz drei und sieben lagen elf Hundertstel.  

Die anderen wurden wieder langsamer

So viel Vorsprung hatte er, dass sein Zieleinlauf fast an den der viermal-100-Meter-Staffel der US-Amerikaner erinnerte. Der Unterschied: Sie liefen allein. Als einzige Mannschaft drehten die USA ein paar Stunden vor Bolt ihre Runde. Sie hatten im Vorlauf den Staffelstab verloren, waren eigentlich ausgeschieden. Der Verband aber hatte Protest eingelegt, eine Läuferin sei behindert worden. Also durften sie noch einmal ran, auf Bahn zwei, der einzige Gegner war die Uhr. Das womöglich absurdeste Rennen der Leichtathletik-Geschichte.

Vor vier Jahren in London war Bolt die Konkurrenz etwas dichter auf den Fersen. Jetzt ist der Abstand wieder größer, aber nur, weil die anderen langsamer geworden sind. Aber auch Bolt ist nicht mehr so flink wie einst. Sein Weltrekord von 19,19 Sekunden über den er in Rio immer wieder redete, war weit weg. Als er die Ziellinie überquerte, konnte man den Ärger in seinem Gesicht sehen. Er riss den Aufkleber mit der Startnummer von seiner Hose und schmiss ihn auf die Bahn. "Ich war enttäuscht, ich wollte schneller rennen", sagte er hinterher. "Aber meine Beine waren müde, ich werde älter."