Michael van Praag gilt als integer. Er wirbt für Compliance, Gehältertransparenz, Ethikkommissionen und Reformen. Für Leute, die sich saubere, ehrliche Führungskräfte in der Sportwelt wünschen, wäre der Chef des Holländischen Fußballverbands ein guter Kandidat für den Posten des Uefa-Präsidenten gewesen.

Deswegen hatte er keine Chance.

Am Mittwoch hat die Uefa in Athen ihren neuen Präsidenten gewählt. Van Praag war einer von zwei Kandidaten, doch der Sieger stand schon vorher so gut wie fest: Aleksander Čeferin, ein Slowene, den bis vor Kurzem selbst im Fußballgeschäft kaum einer kannte. Er gewann mit 42:13 Stimmen. Auf sein Programm kam es wohl weniger an, eher hat er ein paar wichtigen Funktionären seine Gunst versprochen. Und die haben sich auf ihn festgelegt. Auch der DFB macht das ewige Hinterzimmerspiel wieder mit.

Der wichtigste Verbündete heißt Witali Mutko

Čeferin, 48, Anwalt aus Ljubljana, führt seit 2011 den slowenischen Fußballverband. Er hat den schwarzen Gürtel in Karate und durchquerte die Sahara. Čeferin steht aber auch im Verdacht, den verschuldeten Verein eines seiner Mandanten protegiert zu haben. Auch geriet er schon in Konflikt mit dem Ethikcode des slowenischen Anwaltsvereins. Vor allem ist er sportpolitisch ein unbeschriebenes Blatt aus einem unbedeutenden Verband. Selbst seine heutigen Wähler kannten ihn kürzlich noch nicht.

Als Erstes trat eine Gruppe von Skandinaviern öffentlich für ihn ein. Sie versprechen sich von Čeferin Unterstützung für ihre gemeinsame Bewerbung für die EM 2028. Čeferins wichtigster Verbündeter heißt aber Witali Mutko. Der russische Sportminister, der das dortige Staatsdoping zu verantworten hat, schwor dreizehn osteuropäische Verbände bei einem Treffen in Moskau auf Čeferin ein. Den Gegenkandidaten van Praag kritisierte Mutko öffentlich.

Čeferin ist auch ein Kandidat des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Die norwegische Zeitung Josimar berichtet, Infantino habe einen Vertrauten eingesetzt, der Stimmen für Čeferin sammeln soll. Der Fifa-Präsident ist eigentlich zur Neutralität verpflichtet. Weil auch Čeferins Landsmann und Verbündeter Tomaž Vesel in diesem Jahr der Chefkontrolleur der Fifa wurde, spricht der ehemalige Reformbeauftragte der Fifa, Mark Pieth, von "Vetternwirtschaft".

Infantino und Mutko können sich sicher sein, dass aus der Uefa-Spitze keine kritischen Worte über die WM 2018 in Russland zu hören sein werden. Ein Turnier, das unter Korruptionsverdacht steht und das unter Rassismus, Schwulenhass und Fangewalt leiden könnte. Van Praag wäre da unberechenbarer. Čeferin bestreitet, in Mutkos Gunst zu stehen, kann aber den Eindruck nicht verhindern, dass er reine Interessens- statt Sachpolitik betreibt.