Update 11. September 2016: Angelique Kerber hat als zweite deutsche Tennisspielerin nach Steffi Graf die US Open gewonnen. Die neue Weltranglisten-Erste entschied am Samstag das Endspiel gegen die Tschechin Karolina Pliskova mit 6:3, 4:6, 6:4 für sich.

Schön sieht es nicht aus, wenn Angelique Kerber ihren Beruf ausübt. Manchmal scheint sie an der Grundlinie entlangzukriechen. Wenn sie sich zu flach abspringenden Bällen hinhockt, drohen ihre Knie über den Boden des Platzes zu schaben. Um die harten Bälle ihre Gegnerinnen ins Feld zurückzuschlagen, verrenkt sie ihre Beine, den ganzen Körper. Eleganz ist nicht die allergrößte Stärke von Angelique Kerber, in einem Sport, in dem das Antlitz besonders wichtig ist.

Ihre Gegnerinnen erstarren dennoch immer häufiger vor Ehrfurcht. Nicht nur wegen ihrer Cleverness oder ihrem breiten Repertoire an Gewinnschlägen, sondern vor allem wegen Kerbers Willensstärke: Einfache Punkte gibt es gegen sie nicht zu gewinnen. Sie ist eine Zermürberin, obwohl es meist die Kontrahentinnen sind, die sie zermürben wollen. Die beste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf ist damit so erfolgreich, dass sie seit dem frühen Freitagmorgen inoffiziell die Weltrangliste anführt. Vor Serena Williams. Es ist das erste Mal seit 1997, seit Graf, dass Deutschland eine Nummer 1 im Tennis stellen wird. "Ich denke, Steffi ist stolz auf mich", sagte Kerber nach den entscheidenden Resultaten. Sie wird damit endlich zu einem deutschen Statussymbol im Weltsport. Ein Ruf, den sie schon vor ihrem jüngsten Erfolg verdient hatte.

Jüngstes Opfer von Kerbers Kampfstärke: die Dänin Caroline Wozniacki, ab Montagmorgen, wenn die neue Weltrangliste erscheint, eine ihrer Vorgängerinnen. Vor ein paar Jahren, Wozniacki war knapp 20, dominierte sie über ein Jahr lang die Tenniswelt. Beim 6:4 und 6:3 im Halbfinale war sie der 28-jährigen Deutschen chancenlos unterlegen. Auch weil Kerber nicht nur kämpfte, sondern mit einer Prise Leichtigkeit aufspielte. Statt nur zu reagieren, agierte sie forsch, selbstbewusst. Seit ihrem Triumph bei den Australian Open wächst ihr Mut von Spiel zu Spiel. "Sie ist längst mehr als eine Verteidigerin", lobte sogar der New Yorker zu Turnierbeginn der New Yorker US-Open in einem Artikel, der einer Verneigung aus der Tennisloge glich.

Und die zur rechten Zeit erschien: Am Samstag steht Kerber gegen die Tschechin Petra Pliskova, die mit ihrem Halbfinalsieg gegen Williams zur Königinnenmacherin der Deutschen wurde, im letzten Grand-Slam-Finale des Jahres. Es ist nach den Australien Open, Wimbledon und dem olympischen Finale bereits das vierte der großen fünf Endspiele, das Kerber in dieser Saison bestreiten darf.

Einen Hype gibt es bislang nicht

Richtig aufgefallen ist das aber nur den Tennis- und Sportverrückten des Landes. Einen Hype, den Kerbers Vorbild Steffi Graf damals auslöste und die auch Sport- und Fernsehgrantler vor den Fernsehschirm lockte, konnte sie bislang nicht entfachen. Vielleicht weil die meisten Sportfans mit Bundesliga und Europameisterschaft ausreichend versorgt waren. Sehr wahrscheinlich aber auch deshalb, weil Kerber kein sogenanntes Wunderkind ist und sich ihre Karriere von denen der anderen Weltstars des Landes unterscheidet.

Wunderkinder hatten die Deutschen in der Vergangenheit besonders gerne: Michael Schumacher, der nach wenigen Jahren in der Formel 1 Weltmeisterschaften und Pokale gewann. Franziska van Almsick schwamm zu olympischen Medaillen, als sie gerade einmal 14 war. Dirk Nowitzki gaben die amerikanischen Basketballfans den Beinamen "The German Wunderkind". Und Steffi Graf gewann ihr erstes Grand-Slam-Turnier in Paris, eine Woche bevor sie 18 wurde. Alles Athleten, die neben ihrem sportlichen Talent durch eine zauberhafte Hintergrundgeschichte bestachen. Zarte Jugendliche, die man schätzte, weil sie so unwirklich schienen. Wie ein Geschenk aus dem Schoß des Sportlerhimmels.

Angelique Kerber war im Frühstadium ihrer Karriere weder ein Geschenk für eine nach Graf brachliegende Tennisnation, noch wurde ihr viel mitgegeben. Als sie ihren ersten Einzeltitel gewann, war sie schon sechs Jahre auf der Tour und 24 Jahre alt. Gegnerin Wozniacki hatte da schon 67 Wochen die Welt angeführt, das aktuelle Tennissternchen Garbiñe Muguruza gewann in diesem Jahr mit 22 die French Open.