Es war noch ein bisschen lebhafter und lauter als sonst im Westfalenstadion. Der Gegner wurde vehementer ausgebuht, der Schiri strenger gerügt. Nach jeder strittigen Szene sprangen die Zuschauer auf der Haupttribüne auf, drehten sich um und reckten ihre Hälse aus ihren Jeansjackenkragen, um auf einem kleinen Monitor einige Reihen über ihnen die Wiederholung zu sehen. Zur Halbzeit legte die Stadionregie Bob Marleys Reggae-Klassiker Three Little Birds auf. Gegentaktiges sollte wohl die Leute beruhigen.

Die Dortmunder sind vernarrt in ihre Mannschaft. So selbstverständlich ist das nicht, es ist eine neue Mannschaft. Mit einigen jungen Spielern aus fast allen Ecken Europas, die bis vor Kurzem keiner kannte. Mit Mario Götze, dem einst Abtrünnigen, dessen friedliche Rückkehr viele für unmöglich gehalten hatten, der aber an diesem Abend keine Pfiffe hören musste. Vor allem ist der große Teil der alten Garde weg, sie hatte vor Jahren dem Anhang drei Titel und eine Finalteilnahme in der Champions League beschert.

Der Überschwang der BVB-Fans hat einen Grund: das Spiel der Mannschaft. Der BVB im Herbst 2016 ist aufregend und angriffslustig, unberechenbar und instabil, energetisch und aufbrausend. Dieser Charakter hatte sich in den Spielen dieser Saison bereits angedeutet, beim 2:2 gegen Real Madrid erlebte er eine stimmungsvolle Zuspitzung. Das Spiel bestätigte die Borussia und ihren Trainer Thomas Tuchel in dem Plan, mit einer Jugendelf Großes zu erreichen.

Bei seinen bisherigen Siegen hatte der BVB viele rasante Angriffe gezeigt und manches Tor spektakulär herausgespielt. Da hießen die Gegner allerdings Darmstadt, Wolfsburg, Freiburg. Doch sein Fußball sah auch gegen den Champions-League-Sieger nicht anders aus. Ousmane Dembelé rannte zwar immer mal wieder in den Gegner oder ins Aus, aber zog dank seiner Haken einige Mal spitz aufs Tor. Raphaël Guerreiro mag sich einen Hackentrick zu viel geleistet haben, entwischte aber einige Male seinen Häschern durch geschwinde Drehungen mit dem Ball. Man sah auch, er schießt mit beiden Füßen scharf.

Mario Götze trug mit guten, alten Doppelpässen das Spiel nach vorne. Pierre-Emerick Aubameyang rannte Löcher in die Abwehr. Als er einmal ein Laufduell nicht gewann, schauten sich zwei Fans auf der Tribüne mit großen Augen sekundenlang staunend an. Der Schlüsselspieler des BVB war wieder mal Gonzalo Castro. Er war sehr aktiv und in beiden Strafräumen zu finden. Er riskierte auch mal ein Dribbling, nahm es einmal sogar mit drei Abwehrrecken auf.

Der Abend zeigte wieder mal: Die Borussia hat auch ohne den verletzten Marco Reus eine beneidenswerte Auswahl an talentierten Offensivspielern, vielleicht trägt in ein paar Jahren der eine oder andere das königliche Weiß des Gegenübers. Man schaute angetan zu und hoffte dennoch, Tuchel möge bald auswechseln, einem seine Bankreserven nicht vorenthalten. Und er brachte den vielversprechenden jungen Emre Mor, den noch jüngeren Christian Pulisic, zudem André Schürrle, den es ja auch noch gibt. Sodann bereitete Pulisic mit einem mutigen Dribbling das Ausgleichstor vor, das Schürrle wie einst in Belo Horizonte mit links unter die Latte fegte.

Möglich, dass Real die Aufgabe leidenschaftlicher angegangen wäre, wenn es statt einem Vorrundenspiel ein Viertelfinale gewesen wäre. Möglich, dass Sergio Ramos dann noch mehr Lust gehabt hätte. Möglich auch, dass Cristiano Ronaldo noch gefährlicher wird, wenn er fit ist. Doch Real zeigte Reife und technische Klasse, um den im Zentrum schwebenden Luka Modrić, den besten Fußballer auf dem Platz. Und die Dortmunder glichen zwei Mal aus gegen diese Weltauswahl, wenn auch beim ersten Mal wegen eines Fehlers des Torhüters Keylor Navas, der einen harmlosen Freistoß abprallen ließ und sich dabei ohne Not hinschmiss.