"Die gesunden Sportler haben Angst, dass sie abgehängt werden" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Simon, russische Hacker haben erneut Gesundheitsdaten von Sportlern geleakt. Es geht um TUEs, Ausnahmegenehmigungen von Spitzensportlern, die verbotene Substanzen wegen einer Krankheit einnehmen dürfen. Auch Robert Hartings TUE und die von vier weiteren deutschen Athleten kann nun jeder einsehen. Wie bewerten Sie das?

Perikles Simon: Das sind kriminelle Einbrüche in die medizinische Privatsphäre der Sportler. Man sollte den Diskurs deshalb von den Einzelfällen losgelöst führen. Zu den Ausnahmegenehmigungen drängen sich nämlich grundlegende Fragen auf.

ZEIT ONLINE: Dabei waren sie ja mal eine gute Idee: Sportler mit einer chronischen Krankheit nehmen ihre Medikamente und sind trotzdem in der Lage, sich mit den Konkurrenten zu messen.

Simon: Die grundsätzliche Frage ist: Was wollen wir im Sport noch sehen? Wo ziehen wir die Grenzen bei einer Krankheit? Es ist immer noch Hochleistungssport, von dem ich und Sie und 99,9 Prozent der Menschen ausgeschlossen sind. Spitzensportler zu sein war schon immer ein exklusiver Zirkel.

ZEIT ONLINE: Offenbar sind Sportler in den vergangenen Jahren häufiger krank gewesen. Die Zahl der TUEs stieg von 636 vor drei Jahren auf 1.330 im Jahr 2015.

Simon: Es ufert gerade aus. Baseballer wollen uns glauben lassen, mit einer Aufmerksamkeitsstörung könne man einen Ball perfekt treffen und besorgen sich eine TUE. Wie kann das denn sein? Man gibt ja einem Menschen mit geringer Körpergröße auch nicht so lange Wachstumshormone bis er zum Profi-Basketballer wird. Das größte Problem ist es, dass die TUEs die Lust bei den gesunden Athleten steigert, die keine TUE brauchen, aber die gleichen Mittel haben wollen wie die Konkurrenten. Und wir wissen aus der Vergangenheit: Kommen Sportler daran, machen sie das auch. Die TUEs höhlen den Sport aus.

ZEIT Online: Sie plädieren für ein Verbot der TUEs.

Simon: Warum nicht? Die Kreativität von Ärzten und Therapeuten wird mit jeder Ausnahme steigen. Andererseits müssen wir auch so ehrlich sein und akzeptieren, dass kein TUE-System Chancengleichheit herstellen wird. So wie der Status quo ist, bin ich schon fast geneigt, für die Freigabe von allen Substanzen zu plädieren, die man zu therapeutischen Zwecken im Sport einsetzen darf.

ZEIT ONLINE: Mit einem Verbot der TUEs träfen Sie aber auch kranke Sportler, die nur mit Medikamenten ihren Beruf ausüben können.

Simon: Dessen bin ich mir bewusst und darauf eine schlüssige Antwort zu finden fällt mir extrem schwer. Ausgrenzung aber gibt es heute schon: Dem gesunden Weitspringer Markus Rehm verbietet man es, wegen einer Prothese bei den anderen mitzumachen. Ist das nicht auch ungerecht? Wir sollten eine Debatte darüber führen, welchen Sport wir haben wollen: Sollte jemand mit ADHS unbedingt in die Lage versetzt werden, olympischen Spitzensport in einer Sportart zu betreiben, welche einen extrem hohen Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit hat? Ich sage: nein.

"Lance Armstrong konnte noch nachträglich eine TUE einreichen"

ZEIT ONLINE: Und was wäre dann mit dem Olympiasieger Matthias Steiner, der sich wegen Diabetes das für Sportler verbotene Insulin spritzen muss?

Simon: Bei Insulin gibt es keine Möglichkeit zu überprüfen, ob ein Sportler es nur zu therapeutischen Zwecken nimmt oder ob er seinen Trainingsablauf, seinen Ernährungsplan und seine Insulingaben nicht exakt so abstimmt, dass sie wie Doping wirken. Humaninsulin ist unter den TUE-Ausnahmen sicher das problematischste Mittel, auch weil es viele Menschen betrifft und weil gesunde Sportler kurzwirksames Humaninsulin ebenfalls missbrauchen können, ohne dass man es nachweisen könnte.

ZEIT ONLINE: TUEs müssen bei der nationalen Anti-Doping-Agentur beantragt werden. Gibt es bei der Zulassung Lücken?

Simon: Nein, das ist das geringste Problem. Dort wird gründlich gearbeitet. Lance Armstrong konnte noch nachträglich eine TUE einreichen, als er aufgeflogen war. Das kann ich mir heute nicht mehr vorstellen. Wenn Athleten mit einer TUE dopen wollen und nicht auffliegen möchten, werden sie sich noch penibler an die TUE-Regeln halten.

ZEIT ONLINE: Wie denken Sportler darüber?

Simon: Sportler wissen in der Regel genau, was ihrem Körper fehlt. Die gesunden haben Angst, dass sie von Athleten mit TUE abgehängt werden. Fragen Sie mal Jan Ullrich, was er dachte, als der vom Hodenkrebs geheilte Lance Armstrong an ihm vorbeistiefelte. Der Hoden produziert Testosteron. Durfte Armstrong mit einer TUE Testosteron zu sich führen? Ullrich sicher nicht und er wusste wahrscheinlich, dass seine natürlichen Werte, wie die eines jeden Tour-Fahrers spätestens in den Bergen in die Knie gehen, just dann flog Armstrong an ihm vorbei und wir wissen, wo es endete. Man müsste Athleten also genau die Sportart verbieten, in der sie mit TUE als einziger einen Vorteil hätten. Im genannten Beispiel sind das nur Sportarten mit mehrtägiger Ausdauerbelastung bis zur Erschöpfung. Und möchte man etwas mehr Chancengleichheit müsste man es entweder den gesunden Sportlern erlauben, an die gleichen Mittel zu kommen oder man verbietet TUEs. Diesen Diskurs brauchen wir jetzt.