Wenn Michel aus Lönneberga Schabernack trieb, wurde er von seinem Vater in die Kammer gesperrt und musste Holzfiguren schnitzen. Er zimmerte viele Holzfiguren. Gälten für den Fußballer Franck Ribéry die gleichen Regeln wie für Astrid Lindgrens Lausbub, hätte er schon die Allianz Arena zusammengezimmert.

Doch Ribéry bestraft niemand. Erst am vergangenen Samstag wäre es wieder angebracht gewesen: Ribéry wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt, nach wenigen Minuten kniff er seinem Gegenspieler Nicolai Müller vom HSV in die Wange. Strenge Schiedsrichter geben Rot, Felix Zwayer beließ es bei Gelb. Der französische Michel war noch mal davongekommen.

Nur wer besonders selbstbewusst ist, kann es sich erlauben, besonders frech zu sein. Ribéry scheint derzeit keine Mühe zu haben, Verteidiger reihenweise aussteigen zu lassen. In sieben Pflichtspielen schoss er zwei Tore und bereitete acht vor. Ribéry, so sehen es viele, ist zurück in alter Form. Wie 2013, als er als "Robbery" gemeinsam mit Arjen Robben den Bayern mit dem Spiel über die Außenbahnen zum Champions-League-Titel half. 

Noch ist die Champions League nur in der Gruppenphase, doch die Neuauflage des April-Halbfinals Atlético Madrid gegen die Bayern ist eine erste schwere Prüfung. Für die Fähigkeiten von Ancelotti. Und für Franck Ribéry.


Ribéry ist die auffälligste Figur unter Carlo Ancelotti. Er flankt, er trickst, er stürzt nach vorne. Aufgestellt wird Ribéry auf der linken Außenbahn, doch was heißt das schon? Ist sein Gegenspieler zu stark, wie am zweiten Spieltag Benedikt Höwedes auf Schalke, zieht er einfach in die Mitte, fordert die Bälle dort. Das hätte es unter Guardiola nicht gegeben. Ribéry macht was er will. Dies lässt zwei Schlüsse zu. Entweder er bekommt von seinem Trainer Carlo Ancelotti nur vage Anweisungen, wie er zu spielen hat, weil der ihm vertraut. Oder Ribéry ignoriert, was sein Trainer sagt.

Für die erste These spricht, dass der neue Trainer als Manager der Stars gilt. Real Madrid lechzte 2014 nach "la decima", dem zehnten Triumph in der Champions League, Ancelotti ließ Ronaldo, Bale und Benzema machen und lieferte. Gut möglich, dass ihm das auch mit dem FC Bayern gelingt.

Doch es könnte auch anders ausgehen. Weil Ancelotti oft stoisch Kaugummi kaut, während Spiele zu entgleiten drohen, müssen in dieser frühen Phase der Saison die etablierten Spieler auf dem Feld coachen. Xabi Alonso gestikulierte auf Schalke 70 Minuten lang, schubste den jungen Renato Sanches auf die richtigen Positionen auf dem Feld. Bayern gewann mit Mühe. Ancelotti lässt es geschehen, das sehen auch Spieler wie Ribéry.

Darin könnte Ancelottis Problem liegen. Er muss auf die großen Momente seiner Einzelkönner hoffen. Von einem übergeordneten Plan wie dem Ballbesitz- und Pass-Mantra von Pep Guardiola ist nicht mehr so viel zu sehen. Funktionieren Ribérys Sololäufe und Thiagos Kunstpässe, kann sich Ancelotti sicher fühlen. Die ersten acht Siege gegen leichte Gegner beweisen das. Die Stars sorgen für den Lack, der kaschiert, dass die Karosserie anfängt zu rosten. Heute könnte dieser Lack Kratzer bekommen.