Manchmal ist Fußball mehr als nur Fußball. Zum Beispiel wenn die Berliner NGO Discover Football Spielerinnen aus aller Welt zusammenbringt. 104 Frauen aus dem Iran, dem Sudan, aus Kenia oder Afghanistan – aus all jenen Ländern also, in denen Fußballerinnen seit Jahren dafür kämpfen müssen, überhaupt Fußball spielen zu dürfen. Home Game, Heimspiel, heißt das Festival, das noch bis Montag in Berlin läuft. An diesem Jahr hat sich sogar die Bundeskanzlerin für die Fußballerinnen interessiert, hat sie zu einem Fototermin ins Kanzleramt eingeladen. Drei Frauen erzählen:

Sarah ist taff. Das merkt man an ihrer Sprache und ihrer Gestik. Ihr Gesichtsausdruck ist offen. Wenn sie gestikuliert, wippen ihre kurzen, krausen Haare leicht mit, ihre dunklen Augen fixieren ihren Gegenüber. Sie trägt ein blaues Shirt, Hertha BSC steht drauf. Das aber trägt sie nur, weil ihr Koffer auf dem Flug nach Berlin verloren gegangen ist. Sie ist mit neun anderen Frauen aus dem Sudan zum Festival angereist. Sie redet wie eine Politikerin, nur mit mehr Emotion und Leidenschaft fürs Thema, ihre Antworten klingen fast ein wenig rebellisch.

Fußballspielen im Sudan ist eine Herausforderung für Frauen, erzählt sie. Das erklärt ihr Auftreten. Ihr Heimatteam heißt genau so: Al Tahady Team. Das ist arabisch und heißt auf Englisch Challenge Team. "In meiner Heimat sollen die Frauen fügsam und weich sein, das passt nicht mit dem Fußball zusammen", sagt sie. Fußball wird im Sudan nicht auf offenen Plätzen gespielt. Auf dem Fußballplatz könnten ja Männer die Frauen sehen. Die sind als Zuschauer verboten. Sarah und ihr Team spielten daher in der Halle, im Verborgenen. Manchmal treffen sie sich heimlich mit befreundeten Männern zum Fußballspielen. "Wir schließen dann die Tür, damit niemand hereinkommen kann", sagt sie. Dafür fährt das Team aus der Hauptsadt Khartum heraus in eine kleinere Stadt.


Wer Fußball spielen will, muss die Challenge annehmen und einige Regeln schlucken. Bei der Fahrt in die nächste Stadt bleibt es nicht. Sarah ist Christin. Sie muss nicht mit Kopftuch spielen. Bei ihren Teamkolleginnen ist das anders. Als Muslimin müsse man ein Kopftuch und eine lange Hose unter den Stulpen tragen, sagt sie. "Doch wir akzeptieren die Regeln, um Fußball spielen zu können", sagt Sarah.

Sodaba hat ähnliche Erfahrungen gemacht.Sie kommt aus Afghanistan. Energisch bindet Sodaba ihre Fußballschuhe zu. Ihre Teamkolleginnen rufen schon nach ihr. Ihr Team wirkt gelöst, als ob sie die Freiheit genießen. "Es ist so schön für uns, im Freien zu spielen", sagt sie. In Afghanistan dürfe nur in Sporthallen Fußball gespielt werden. Auf dem Platz in Berlin kann jederzeit ein Besucher vorbei kommen. Alles ist offen. "Wir sind endlich nicht isoliert beim Fußball spielen", sagt sie. Bei dem Festival macht sie die Erfahrung, dass sie ihre Sorgen und Gedanken mit Frauen aus verschiedenen Ländern teilen kann. "Dadurch entstehen tiefe Gespräche und Freundschaften", sagt Sodaba. Wie ist das Fußballspielen in Afghanistan? "Difficult." Das ist das letzte Wort bevor sie zu ihren Teamkolleginnen läuft, die sich am Rand des Platzes warm machen.

Mit elf Jahren hat Pia Mann angefangen im Verein Fußball zu spielen. Ihre Mutter war nicht begeistert. Als Mädchen musste sie im Spiel die alten Männertrikots auftragen. Sie spricht in kurzen Sätzen und ist ernst, wenn sie davon erzählt, fast wütend. Pia Mann kommt weder aus dem Sudan, noch aus Afghanistan, sondern aus Berlin. Sie sagt Sätze wie "Für mich ist Fußball feministisch und politisch aufgeladen". Oder: "Wir setzten uns dafür ein, Geschlechterstereotype zu überwinden". Und: "Der Fußball ist die letzte Bastion des weißen, heterosexuellen Mannes." Dagegen kämpft sie. Mit dem Festival machen sich die Frauen gemeinsam stark gegen die Diskriminierung im Fußball. Sie ist eine der Organisatorinnen.

"Auch in Deutschland ist Gleichberechtigung auf dem Fußballplatz noch nicht angekommen", sagt sie. "Jede Woche muss man sich aufs Neue blöde Sprüche anhören, wenn man den Platz betritt." Das sei erst der Anfang. Ein "Ihr Kampflesben" werde gerne hinterhergeschoben. Der Konflikt geht tiefer. An was denkt die Mehrheit der Menschen bei dem Wort Fußball? Richtig, an fußballspielende Männer. Gegen das Wort Frauenfußball sträubt sie sich deshalb. "Männerfußball sagt man ja auch nicht." Die Schranken im Kopf der Menschen sollen fallen. Wieso kann Fußball nicht einfach offen für alle sein?