Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro haben einmal mehr gezeigt: Deutschlands Athletinnen und Athleten sind in vielen Disziplinen nicht mehr Weltklasse. Seit 1992 hat sich die Medaillenausbeute fast halbiert, bei den Sommerspielen in diesem Jahr waren es nur noch 42 insgesamt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), in dessen Ressort die Sportförderung fällt, hält eine Reform der Leistungssportförderung daher seit Langem für dringend notwendig. Im Sportausschuss des Bundestags hat er nun seinen Reformplan vorgestellt.

Das Fördersystem soll sich demnach in Zukunft stark am Erfolg orientieren. Nicht mehr die Ergebnisse der Vergangenheit, sondern das künftige Erfolgspotenzial soll bei der Sportförderung im Mittelpunkt stehen. Dazu sollen die Zentralisierung forciert und die Stützpunkte reduziert werden. Auch mehr Geld wird vom Bundesinnenministerium in Aussicht gestellt.

Mit dem neuen Konzept hoffen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium, den Abwärtstrend bei den Olympischen Spielen stoppen zu können. Sportler und Disziplinen mit hohen Medaillenchancen sollen deutlich stärker unterstützt werden. "Deutschland soll erfolgreich sein, aber fair und sauber", sagte de Maizière. Dafür solle die Förderung den Athleten stärker in den Mittelpunkt rücken und die Rolle der Trainer aufgewertet werden. "Wir wollen nicht wie bisher Erfolge und Misserfolge nachfinanzieren, sondern das Potenzial und die Perspektiven für die Zukunft fördern", sagte de Maizière.

Fehlt dagegen eine Perspektive, so können ganze Disziplinen durch das Raster fallen. Dafür wird auch die Struktur der Stützpunkte verändert. Die Olympia-Stützpunkte sollen zukünftig von 19 auf 13 reduziert werden, bei den Bundesstützpunkten sollen rund 20 Prozent wegfallen.

Medaillenchancen werden perspektivisch errechnet

DOSB-Chef Alfons Hörmann stellt sich auf harte Diskussionen ein, verwies aber gleichzeitig auf die Notwendigkeit der Reform. "Das Ergebnis von Rio mit 17-mal Gold hat uns nicht ermutigt, die Dinge so laufen zu lassen, sondern die Erfolge für das kommende Jahrzehnt vorzubereiten", sagte Hörmann. Es soll nun ein "perspektivisches Berechnungsmodell" geben, das eine Bewertungskommission aus Mitgliedern des DOSB, dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft und externen Experten ausarbeiten soll. Dabei werden die 130 Disziplingruppen aus Sommer- und Wintersport auf Medaillentauglichkeit durchleuchtet.

In der Vergangenheit hatten die Verbände noch feste Summen erhalten und das Geld dann selbst verteilt. Damit ist jetzt Schluss. Einzelne Disziplinen werden künftig in drei Gruppen unterteilt: Die höchste Förderung gibt es im Exzellenzcluster, die zweite Gruppe bildet das Potenzialcluster, sie muss Abstriche bei der Förderung hinnehmen. In der dritten Gruppe sind Disziplinen ohne Erfolgspotenzial vertreten, sie müssen mit deutlichen finanziellen Einbußen rechnen, sogar ein kompletter Förderungsstopp ist möglich.

Genaue Förderkriterien für mehr Erfolg

De Maizière hatte bereits zu Jahresbeginn die Strukturen im deutschen Sport kritisiert und 30 Prozent mehr Medaillen gefordert. So wird sich das BMI zukünftig nicht mehr damit begnügen, die Verteilung der Gelder dem DOSB und den Verbänden zu überlassen. Durch die genauen Förderkriterien gibt es nun einen strikten Rahmen. Ein Modell, das der DOSB mitträgt. "Ich erhoffe mir von der Reform, dass die Gelder zielgerichtet, sportfachlich begründet und effizient eingesetzt werden", erklärte der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper.

Spannend ist noch die Frage nach der Höhe der Finanzierung. Bislang hat das Bundesinnenministerium jährlich rund 160 Millionen Euro beigesteuert. De Maizière hat aber mehr Geld in Aussicht gestellt. Erst solle Einigkeit über das Konzept erzielt, dann über die finanziellen Mittel gesprochen werden. "Es spricht aber einiges dafür, dass wir mehr Geld brauchen werden", sagte de Maizière.

Die Notwendigkeit einer Veränderung sehen alle Beteiligten. Seit den Sommerspielen 1992 hat sich die Medaillenausbeute fast halbiert: In Barcelona holten die deutsche Athleten noch 82 Medaillen, in Atlanta 1996 waren es nur noch 65, zuletzt in Rio sprangen nur noch 42 Medaillen heraus. Einige Sportarten wie Schwimmen oder Fechten waren ein Totalausfall. Lediglich die gute Goldausbeute und der Erfolg der Mannschaftssportarten hübschte die Bilanz ein wenig auf.

Athleten nicht zu früh abschreiben

Aber es gibt bereits kritische Stimmen: Kanu-Olympiasieger Max Hoff sagte: "Ich glaube, ich wäre als Athlet in dem System definitiv durchgefallen. Man darf junge Athleten nicht zu früh abschreiben." Es sei wichtig, den Athleten eine Perspektive zu bieten, wenn man erfolgreiche Sportler haben wolle.

Mit dem Entwurf wurden nun die Rahmenbedingungen festgelegt. Am 18. Oktober diskutieren die Sportverbände auf einer Sitzung in Frankfurt über das Papier, einen Tag später kommt es zur öffentlichen Anhörung des Sportausschusses im Bundestag. Für die Olympischen Winterspiele 2018 greift dieses Modell aber noch nicht.