Neulich hat sich wieder jemand selbst geehrt. Der britische Sprinter Andrew Steele war gerade beim Shoppen in New York, als er erfuhr, dass der russischen 4-mal-400-Meter-Staffel ihre Bronzemedaille der Olympischen Spielen 2008 in Peking aberkannt wurde. Einer der Läufer wurde bei einem Dopingnachtest erwischt, wodurch Steele und seine Briten auf Rang drei vorrückten. Steele stellte sich im Central Park auf einen Stein, riss jubelnd die Arme in die Höhe und ließ ein Foto von sich knipsen. Eine echte Siegerehrung gab es für Steele nie.

82 Sportler mussten in der Geschichte der Olympischen Spiele schon ihre Medaillen zurückgeben, weil sie mit Dopingmitteln erwischt wurden (zum schwarzen Medaillenspiegel). Die überwältigende Mehrheit von ihnen nach der Jahrtausendwende. Allein 17 Medaillengewinner von 2008 traf es. 2016 in Rio de Janeiro durften russische Leichtathleten nicht teilnehmen, weil ihrem Land systematisches Doping nachgewiesen wurde. Und was ist mit Kenia? China? Jamaika? Ja selbst den Briten? Niemand traut niemandem mehr. Viele Zuschauer wenden sich ab. Das ist das Umfeld, in dem sich der olympische Sport gerade bewegt.

Trotzdem soll Deutschland genau da wieder mehr mitmischen in den kommenden Jahren. So ist zumindest der Plan. Der Spitzensport möchte sich reformieren, die Eckpunkte hat nun Bundesinnenminister Thomas de Maizière persönlich dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages vorgestellt. "Mein Ziel ist es, dass Deutschland als Sportnation wieder ganz vorne mitspielt", sagte er. Der Minister will Medaillen.

Möglich machen soll das ein neues System, dessen Kern ein Modell namens Potas (Potenzialanalysesystem) ist. Eine Kommission aus fünf Menschen und ihre Computer sollen die sportlichen Disziplinen in sogenannte Cluster einteilen. Je größer das Potenzial, je besser also das Cluster, desto mehr Geld gibt es. Wer gute Chancen auf Olympiagold hat, kommt in das sogenannte Exzellenzcluster und darf mit einer optimalen Förderung rechnen. Wessen Chancen so mittelgut sind, für den reicht es noch für das Potenzialcluster und ein wenig Förderung. Wer nichts zu gewinnen hat, geht leer aus. Ob es bei den 160 Millionen Euro Steuergeld jährlich bleibt, die im Spitzensport verteilt werden, oder etwas obendrauf gelegt wird, ist noch unklar. Künftig soll also wohl nicht honoriert werden, wer schon etwas geleistet hat, sondern wer fähig ist, in der Zukunft etwas zu leisten. Und über allem steht nur ein Ziel: Gold bei Olympischen Spielen zu gewinnen. Und wenn das nicht klappt, dann bitte schön Silber oder Bronze.

Dieses Ziel zu formulieren, ist legitim. Es wurde Zeit, dass überhaupt eins formuliert wurde. In den vergangenen Jahren hatte man nicht das Gefühl, als wüsste der deutsche Spitzensport, wo er hinwill. Nach den großen Erfolgen des wiedervereinigten Olympiateams in den Neunzigern war die Ausbeute mal für mal kleiner. 1992 waren es 82 Medaillen, 2016 in Rio nur noch 42. Die Entscheidung war überfällig: Mitmachen bei der Medaillenhatz der anderen, der Amerikaner und Briten, der Chinesen und Russen? Oder es ruhiger angehen lassen? Stolz sein auf seine vielfältige Sportlandschaft, sich vielleicht eher auf den Jugend- und Breitensport konzentrieren?