Es gibt die Geschichte aus den letzten Tagen der Fifa-Präsidentschaft von Sepp Blatter im Juni 2015, als er in die USA geladen wurde. Er sollte dort als Zeuge Aussagen zur Korruption seiner Gefolgsleute machen. Doch gemäß des Schweigeethos von Mafiafamilien blieb er in der Schweiz. Im sportpolitischen Zirkel kursierte damals ein neuer Name für ihn: Stay-at-home-Sepp.

Es wird Zeit für einen neuen Namen für Thomas Bach, wie wäre es mit Stay-at-Home-Thomas? Der IOC-Präsident hat mitgeteilt, dass er den Paralympics in Rio fernbleiben wird. Erst sagte er seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier ab, angeblich weil ihm die Beerdigung seines FDP-Freundes Walter Scheel wichtiger war. Schon das ist skandalös. Möge Scheel in Frieden ruhen, ein IOC-Präsident aber hat bei der Eröffnung der Paralympischen Spiele zu sein. So hielten es auch Bachs Vorgänger.

Mittlerweile ist klar: Bach wird Brasilien in den kommenden Wochen ganz meiden. Er hat andere Termine. Womöglich kann man das als Strafe für den IPC werten. Das Internationale Paralympische Komitee hatte es sich erlaubt, die russischen Athleten von den Spielen auszuschließen. Und damit das IOC blamiert, das zu einer solchen Strafe nicht fähig gewesen war. Das IPC hatte im McLaren-Report zum russischen Staatsdoping 35 vertuschte positive Fälle im Berhindertensport entdeckt. "Es hat uns umgehauen, was da in Russland passiert", sagte der IPC-Präsident Philip Craven. "Es gab keine andere Lösung."

Vielleicht liegt Bachs Abwesenheit aber auch daran, dass er in Brasilien als Zeuge aussagen soll. Der wegen Verdachts auf illegale Ticketverkäufe festgenommene Pat Hickey ist einer von Bachs engsten Vertrauten, heikle Mails von ihm an Bach sind aufgetaucht. Sie könnten Bach belasten, vielleicht nicht unbedingt juristisch, in jedem Fall aber politisch.

Bach verweigert also die Aufklärung über illegale Geschäfte seiner engsten Mitarbeiter und entehrt mit seiner Abwesenheit gleichzeitig den Behindertensport. Das hätten wohl selbst seine schärfsten Kritiker nicht für möglich gehalten. Es ist erstaunlich, wie sehr sich Bach auf Blatters Spur begibt. Beide wollen nichts von illegalen Geschäften unter ihnen mitbekommen haben. Sie übernachteten im Kuhstall und wunderten sich am nächsten Tag über den Gestank ihrer Kleidung.

Die Zahl der Kritiker Bachs dürfte nun steigen. Natürlich hat er noch immer Unterstützer. Putin, klar, für den er sein Amt riskiert, zudem die reichen NOKs des Nahen Ostens. Und bestimmt auch die Deutschen, Bachs früherer Verband. Stellt sich der DOSB auch künftig hinter Bach, toleriert er nicht nur Bachs beschämenden Umgang mit Betrug und Doping, sondern auch mit dem Behindertensport.