Es sieht schlimmer aus, als es ist – Seite 1

Es gibt Boxen, Kickboxen, Karate, Muay Thai, Ringen, Judo, Sambo und Gracie Jiu-Jitsu. Es gibt viele Kampfsportarten auf der Welt. Und es gibt Mixed Martial Arts (MMA). Abgeleitet vom brasilianischen Vale tudo ("alles geht") wurde MMA vor zwei Jahrzehnten ins Leben gerufen, um festzustellen, welcher Sport in einem Kampf mit minimalen Regeln am effektivsten ist. Damals rief die bis dahin unbekannte Brutalität der Kämpfe schnell Gegner auf den Plan. Der US-Senator John McCain bezeichnete MMA als human cockfighting, als menschlichen Hahnenkampf also.

Mittlerweile ist der Sport weltweit akzeptierter denn je und mausert sich nach und nach zur echten Alternative zum altehrwürdigen Boxen, dem mittlerweile die großen Stars ausgehen und das vom Treiben der Verbände und Promoter ruiniert wird. Für die Ultimate Fighting Championship (UFC), die größte Mixed-Martial-Arts-Liga der Welt, wurde in diesem Jahr das lange währende Verbot von professionellen Kämpfen im Staat New York aufgehoben. Es war der letzte Bundesstaat, der die Kämpfe noch verboten hatte. Veranstaltungen im legendären Madison Square Garden versprechen bald lukrative Einnahmen.


Vor wenigen Wochen staunten auch die, die noch nie von diesem oder einem anderen Kampfsport gehört hatten. Für vier Milliarden Dollar verkaufte die langjährige UFC-Muttergesellschaft Zuffa die Mehrheit der Anteile an die Entertainmentgruppe William Morris Endeavor (WME/IMG). Vier Milliarden Dollar! Ein Deal dieses Ausmaßes hatte es in der Sportindustrie zuvor noch nicht gegeben. WME/IMG holte externe Finanziers ins Boot und muss jetzt jährlich über 85 Millionen Dollar Gewinn verzeichnen, allein um Verbindlichkeiten zu begleichen.

Schon in den neunziger und frühen 2000er Jahren saßen immer mehr Fans vor den Bildschirmen. Tiefschläge, Haareziehen und andere üble Techniken gehörten in den Anfangstagen der UFC genauso dazu wie eine gewisse Untergrundkulturattitüde. Die drei Buchstaben UFC wurden zur Marke. Eine Marke, die trotz immer strengerer Regeln weiterhin für Brutalität, aber eben auch für Unterhaltung stand. Eine Marke, die den Casinobesitzern Frank und Lorenzo Fertitta im Jahr 2001 zwei Millionen Dollar und viele weitere Millionen Risikoinvestment wert war. Eine Marke, die ihnen 15 Jahre später eben jene vier Milliarden Dollar einbrachte.

In einer Zeitspanne von 15 Jahren entwickelte sich Mixed Martial Arts immer schneller immer weiter: Die TV-Produktionen wurden perfektioniert, es kamen mehr Zuschauer, Frauenkämpfe etablierten sich, Antidopingregularien wurden eingeführt, die in vielen anderen populären Sportarten gemieden werden. Sahen aufgepumpte Kämpfer in den frühen Tagen des Sports noch wie Comicbuchfiguren aus und wurde gerade in Japan Steroidmissbrauch sogar von manchen Promotern gefördert, geht man zumindest beim Fast-Monopolisten UFC nun seriöser mit der Dopingproblematik um.

Seriosität steht sowieso ganz oben auf der Agenda. Uniformierte Kampfbekleidung soll die visuellen Elemente einer professionellen Sportliga à la NFL aufgreifen. Stars wie Conor McGregor, Ronda Rousey und Nate Diaz sind mittlerweile gern gesehene Gäste in Talkshows. Rousey etabliert sich trotz ihres überschaubaren schauspielerischen Talents sogar in Hollywood.

An den Grenzen der Vereinigten Staaten möchte die UFC aber nicht Halt machen. "Wir glauben, dass die größte Wachstumsmöglichkeit im internationalen Markt steckt, wo MMA einige seiner stärksten Anhänger hat. Das schließt Japan, Brasilien und andere lateinamerikanische wie auch westeuropäische Länder mit ein", schrieb der Moody's Investors Service vor einiger Zeit.

Führte die UFC vor zehn Jahren noch wenige Events pro Jahr durch, wird den Anhängern nun fast jede Woche eine Veranstaltung geboten. Eine größere Expansion nach Europa oder Asien blieb dabei nicht aus, um auch dort Präsenz zu zeigen. Heute produziert kein Unternehmen weltweit mehr Pay-per-View-Events. Kämpfe werden in 156 Ländern und in 29 Sprachen übertragen.

2009 debütierte die UFC in Deutschland, drei weitere Kampfabende folgten. An diesem Samstag ist die UFC in Hamburg zu Gast. Die ganz große Starpower fehlt zwar, aber einige bekannte Namen der Szene sind dennoch dabei. Mit Josh Barnett und Andrei Arlovski treten zwei Veteranen des Sports im Hauptkampf gegeneinander an. Beide waren schon Profis, als die UFC noch um Anerkennung in den USA kämpfte.

Die Reise nach Deutschland ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Hierzulande ist Mixed Martial Arts trotz einer wachsenden Fangemeinde und einer wachsenden Gruppe an Aktiven keineswegs unumstritten. Die Diskussionen aus den USA von vor 15 Jahren wiederholen sich in der Bundesrepublik.

2010 widerrief der Fernsehausschuss der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien die Genehmigung für Formate, die das damalige in Ismaning ansässige DSF (heute Sport1) regelmäßig Samstagnacht ausstrahlte. Der Ausschuss begründete das Übertragungsverbot insbesondere mit "Tabubrüchen" wie dem "Einschlagen auf einen am Boden liegenden Gegner".

Technische Feinheiten und Brutalität

Mittlerweile ist MMA ins deutsche Free-TV zurückgekehrt. Das Verwaltungsgericht München hob das bestehende Verbot auf und die ProSiebenSat.1-Gruppe schloss einen Deal mit der UFC ab. Doch damit ist die Skepsis gegenüber MMA nicht vom Tisch. Kritiker beharren auf dem Standpunkt, dass es weniger um einen sportlichen Wettbewerb als vielmehr um ein Aufleben antiker Gladiatorenkämpfe ginge. Der achteckige Käfig (Octagon), den die UFC seit jeher anstelle eines Rings benutzt, bestärkt noch das Gefühl der Skeptiker, man sehe hier ein brutales Spektakel, das die Sensationsgier vermeintlich minderbemittelter Zuschauer befriedigt.

Das ungeschulte Auge erkennt nicht die technischen Feinheiten, die beispielsweise beim Bodenkampf entscheidend sind. Aber es erkennt die Brutalität, wenn doch mal ein verteidigungsloser Gegner auf der Matte liegend noch Schläge einstecken muss, bevor der Kampfrichter einschreitet. Für Beobachter, die – wenn überhaupt – mit dem Boxsport aufgewachsen sind, bei dem der Gegner am Boden angezählt wird, ist gerade dieser Part immer noch der Hauptgrund, MMA in Gänze abzulehnen.

Laut einer Studie der Glen Sather Sports Medicine Clinic ist die Gefahr schwerwiegender Gesundheitsschäden beim Boxen sogar größer. Unzählige Schläge gegen den Kopf, die ein bereits angeschlagener Kämpfer immer noch absorbiert, sind im MMA eher die Seltenheit. Die kleineren, fingerlosen Handschuhe führen zu schnelleren Niederschlägen, was sogar eine schützende Wirkung hat. Tritte und Schläge gegen Körperbereiche unterhalb des Kopfs und eine Varianz an Techniken am Boden bieten bei Weitem mehr Möglichkeiten, einen Gegner außer Gefecht zu setzen.

"Es ist wahrscheinlicher, dass man sich in Mixed Martial Arts verletzt, aber der Grad der Verletzungen ist insgesamt geringer", erklärt Shelby Karpman, Sportmediziner an der Glen Sather Clinic. "Das meiste Blut, was man in Mixed Martial Arts sieht, kommt von blutenden Nasen oder Cuts im Gesicht. Es ist nicht so schwerwiegend, aber sieht bei Weitem schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist."

Mit einer derartigen Studie soll nicht die Gefahr des Sports heruntergespielt werden. Doch jede Kampfsportart, in der Schläge und Tritte erlaubt sind, ist von Natur aus gefährlich. Doch während Boxen sogar von öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hofiert wird und Stars wie die Klitschko-Brüder nicht gerade das Image blutrünstiger Barbaren haben, muss MMA in Deutschland wie auch in einigen anderen europäischen Ländern weiterhin um Anerkennung ringen.