Joachim Löw hält einen Weltrekord. In sechs Turnieren nacheinander erreichte er das Halbfinale, dreimal Welt-, dreimal Europameisterschaft. Wenn andere Favoriten längst zu Hause sind, ist Deutschland mit ihm stets noch bis zum Schluss dabei. Und Weltmeister ist er auch noch. Andere Nationen beneiden den DFB um einen wie ihn.

Daher ist es auf den ersten Blick verständlich, dass der DFB den Vertrag mit ihm vorzeitig bis 2020 verlängert. Doch so früh war das unnötig. Kontinuität schön und gut, aber der Bundestrainer hätte erst mal beweisen müssen, dass er aus dem EM-Aus die richtigen Schlüsse gezogen hat.

Nach dem WM-Titel 2014 war es Löws Ziel, eine Ära zu prägen. Wie die Spanier, die drei Turniere in Serie (EM 2008, WM 2010, EM 2012) gewonnen hatten. Damit ist er in Frankreich gescheitert, auch mit dem Anspruch, noch besseren Fußball zu spielen. Gegen den Gastgeber im Halbfinale auszuscheiden, wie im Juli, war zwar keine Schande. Aber bei dem aufgeblähten Turnier in Frankreich traf die deutsche Elf im Grunde in sechs Spielen auf drei ernsthafte Gegner: Frankreich, Italien, Polen. Keines gewann sie.

Löw überging in der Analyse diese Schwäche. Seine Elf habe bei der EM bloß ihre Torchancen nicht genutzt, sagte er. Pech gehabt, soll das heißen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Gegen die Slowakei war im Prinzip jeder Schuss ein Treffer, gegen Polen gab es kaum einen Schuss, überhaupt fehlten dem deutschen Ballbesitzspiel oft Präzision und Tempo. Löws Aussage nach der Niederlage gegen Frankreich, die bessere Mannschaft habe verloren, war selbstverliebt und stimmte nicht.

Vielmehr hat Löw in Frankreich eine Chance verpasst. Es war die schlechteste EM seit Langem. Portugal gewann weniger wegen seiner Stärken, sondern weil das Team die wenigsten Schwächen hatte. So leicht wird es so schnell nicht mehr.

Nach oben geführt – oder nur begleitet?

Löw hat die Nationalmannschaft nach oben geführt. Als er 2004 beim DFB einstieg, war sie bloß Mittelmaß. Vielleicht hat er sie aber auch auf dem Weg nach oben nur begleitet. Damals waren nämlich die deutschen Fußballer bloß Mittelmaß. Internationales Format hatten in diesen Jahren Michael Ballack, Philipp Lahm und die Tormänner Oliver Kahn und Jens Lehmann. Inzwischen spielen dank der Nachwuchsreform der Jahrhundertwende selbst Ersatzspieler der deutschen Elf bei internationalen Topklubs.

Heute ist es nicht mehr dieselbe Leistung wie vor zehn Jahren, mit Deutschland ins Halbfinale zu kommen. Gegen Teams wie Nordirland kann die deutsche Elf praktisch nicht verlieren, der Qualitätsvorsprung der Einzelspieler ist zu groß. Das gilt auch für Norwegen und Tschechien, für Aserbaidschan und San Marino sowieso. Das sind Löws fünf Gegner in der WM-Qualifikation, gegen die er sich fast selbstverständlich durchsetzen wird.

Er kann erst wieder beim Turnier in Russland zeigen, dass er seiner Mannschaft ein hochwertiges Konzept vermitteln kann. Er kann erst 2018 wieder was gewinnen. Sollte diese WM schiefgehen, wird man ihn ohnehin infrage stellen.