ZEIT ONLINE: Herr Ulbig, Sie waren der erste Deutsche, der in der israelischen Selbstverteidigung Krav Maga das Expert 3-Niveau erreicht hat. Krav Maga kennt Techniken wie das Augenstechen. Niemand in Deutschland kann sich besser verteidigen als Sie. Warum machen Sie das?

Ralf Ulbig: Ich wollte Selbstverteidigung unter realen Bedingungen üben. Vorher war ich ausschließlich beim Kung-Fu. Das ist zum größten Teil ein ästhetischer Kampf gegen einen fiktiven Gegner, einen Schatten. Es geht um Philosophie, um spirituelle Weiterentwicklung. Man möchte ein besserer Mensch werden. Man sagt zwar, dass man sich damit auch selbst verteidigen kann. Doch in den traditionellen Kämpfen ist alles sehr ritualisiert, es geht meistens eins gegen eins, einem Ehrenkodex folgend. Den gibt es aber in der Realität nicht. Ehre hilft nicht gegen eine Messerklinge. Krav Maga ist der Gegensatz dazu. Es ist funktional, schnell und direkt, das hat mir gefallen.

ZEIT ONLINE: Kämpfen Deutsche eigentlich gerne?

Ralf Ulbig: Ich glaube nicht. Meine Vermutung ist, dass viele denken, einen körperlichen Angriff nur mit Reden verhindern zu können. Die deutschen sind eher ein Volk der Theoretiker.

ZEIT ONLINE: Dabei ist Diskutieren ohne Handgreiflichkeit doch eine Errungenschaft.

Ulbig: Manche Menschen erfahren Selbstzufriedenheit, wenn sie andere quälen oder verletzen. Wenn jemand wirklich verletzen will, dann wird er es versuchen, egal wie viel ich diskutiere. Ein Kampf in der Realität dauert durchschnittlich etwa fünfzehn Sekunden bis klar ist, wer verloren hat. Bin ich darauf nicht vorbereitet, werde ich das Opfer sein.

ZEIT ONLINE: Warum tun sich die Deutschen schwer mit dem Kämpfen?

Ulbig: Zum einen gibt es bei uns einen gewachsenen Pazifismus. Wir wurden nicht zum Kämpfen erzogen. Das ist zwar gut, aber: Wir wollen alles mit Reden lösen. Wir glauben, die ganze Welt wäre so kultiviert und zivilisiert wie wir. Doch dabei gilt das nicht mal für Deutsche. Man muss sich nur die Polizeistatistik ansehen. Gewalt kann immer ausbrechen. Und es gibt die deutsche Angst, zu weit zu gehen. Es kursieren Notwehrgeschichten, bei denen manche bei der Gefahrenabwehr übertrieben haben. Man fürchtet sich vor Strafe, wenn man sich wehrt. Meistens haben diejenigen die Grenzen der Notwehr deswegen überschritten, weil sie nicht vorbereitet waren.

ZEIT ONLINE: Es gibt seit einigen Monaten wieder eine Sicherheitsdebatte. Es wird über persönlichen Schutz im öffentlichen Raum gesprochen. Spüren Sie das? Haben Sie gerade regen Zulauf?  

Ulbig: Nach der Kölner Silvesternacht wurden unsere Kurse überrannt. Meistens ist es aber nur eine kurzfristige Hysterie, die schnell wieder abebbt. Nach dem Amoklauf in München hatte ich einen ähnlichen Ansturm vermutet, doch so kam es nicht.

Seit 1998 trainiert Ralf Ulbig die israelische Selbstverteidigung Krav Maga. In Deutschland war er der erste Trainer auf Expert 3-Niveau, einem der höchsten Level. In München leitet er das Kampfkunststudio KKS. © Ralf Ulbig

ZEIT ONLINE: Hätten Sie den Münchner Amokläufer überwinden können?

Ulbig: Ein Amoklauf ist eine schwierige Situation. Flucht ist hier immer die beste und erste Möglichkeit. Geht das nicht, kann man versuchen, sich zu verstecken. Nur das letzte Mittel ist der Kampf. Und dafür gibt es im Krav Maga selbstverständlich auch Techniken gegen Schusswaffen.

ZEIT ONLINE: Sie bereiten in ihren Selbstverteidigungskursen auf Extremsituationen vor, in denen man massiv bedrängt wird. Eine Krav-Maga-Technik ist das Augenstechen. Mit den beiden Daumen drückt man den Gegner in die Augenhöhlen, um sich zu befreien. Sie geben anderen eine Anleitung zum Verletzen. Wann darf das erlaubt sein?

Ulbig: Nur im Rahmen der Notwehr. Das ist immer unser Handlungsmaßstab. Die Intention beim Augenstechen, besser Augendrücken, ist es, sich aus einer Umklammerung zu lösen, nicht zu verletzten. Wenn man körperlich werden muss, lief allerdings meist schon vorher etwas falsch. Krav-Maga-Kämpfer wollen niemanden verletzten. Das Training hilft, die Reaktion einzuüben, wenn keine Zeit mehr zum Nachdenken bleibt.

ZEIT ONLINE: Ist das eigentlich Sport?

Ulbig: Fast immer ist der Angreifer körperlich oder zahlenmäßig überlegen oder hat den überraschenden Moment auf seiner Seite. Es gibt also von Anfang an eine Unwucht zugunsten des Angreifers. Das heißt für uns: Wir können nicht nach Regeln kämpfen. Sport funktioniert nach Regeln, Krav Maga nicht.

ZEIT ONLINE: Wer will das lernen?

Ulbig: Zunächst dachte ich auch: die Falschen. Das hat sich aber schnell erübrigt. Zu uns kommen Opernsängerinnen, Handwerker, Studenten, Akademiker, Rentner, jedermann eben. Es reguliert sich von selbst: So wie ich nicht gerne in ein Studio gehe, in dem nur der Lust am Schlagen wegen gekämpft wird, kommen solche Dumpfbacken nicht zu uns.