Algorithmen, intelligente Software und Roboter können immer mehr Dinge, zu denen noch vor Kurzem allein der Mensch fähig war. Über die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) und deren Folgen berichtet ZEIT ONLINE in der Serie Maschinenraum.

Seit 1984 ist rhythmische Sportgymnastik eine olympische Disziplin. Sportlerinnen, die mit den fünf Geräten Band, Seil, Ball, Keule und Reifen hantieren, sie balancieren und jonglieren, verkörpern eine besondere Athletik und Ästhetik. Die Kostümierung und Bewegung der Athletinnen in Verbindung mit der der Komposition entsprechenden Musik bilden ein Gesamtkunstwerk. Das Problem ist, dass Kunst immer auch Geschmackssache ist. 

Die Bewertung der Sportlerinnen, die sich aus zwei Noten zusammensetzt, der D-Note für den Schwierigkeitsgrad und der E-Note für die Art der Ausführung, ist subjektiv. Der Code of Points (CoP), eine Art Wertungskatalog, wird jedes Jahr überarbeitet und um möglichst objektive Kriterien ergänzt. Gleichwohl ist das subjektive Bewertungsschema ein Einfallstor für Manipulationen: In der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte über korrupte Kampfrichterinnen, ein Netz aus Freundinnen soll über Jahre den Sport betrogen haben.

Der Roboter als Kampfrichter

Das soll sich bald ändern. Der japanische Technologiekonzern Fujitsu hat in Kooperation mit dem japanischem Gymnastikverband einen automatisierten Kampfrichter entwickelt, der die Athletinnen möglichst fair beurteilen soll. Der Roboter ist so programmiert, dass er mithilfe von 3D-Lasersensoren 76.800 Bewegungspunkte in einem Zeitfenster von bis zu 30 Sekunden misst und diese mit Vorgaberichtlinien abgleicht. Die Kamera markiert bestimmte Punkte des Körpers und registriert automatisiert Bewegungsabläufe. Das System erkennt etwa für eine bestimmte Technik den Neigungswinkel des rechten Ellenbogens oder linken Knies. Die Varianz vom Normalwert indiziert dann einen Score. Damit soll eine möglichst objektive Bewertung der Athletinnen gewährleistet werden.

Das System soll bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio einsatzbereit sein. Schon heute gibt es computergestützte Assistenzsysteme im Sport, etwa das Hawk-Eye, eine Hintertorkamera im Ballsport, die dem Schiedsrichter in besonders kniffligen Entscheidungen (war der Ball hinter der Linie oder nicht?) zur Seite steht. Dass ein Roboter aber als Kampfrichter fungiert und mit der notwendigen Befugnis beliehen wird, unabhängige Wertungen vorzunehmen, ist neu.

Ist der Roboter womöglich der bessere Unparteiische?

Das Versprechen der Technik ist, dass sie wertneutral, objektiv und vor allem unbestechlich ist. Ein KI-System lässt sich anders als ein Kampfrichter nicht korrumpieren, es führt mechanisch das aus, wozu es programmiert wurde. Doch das ist gleichsam das Problem: Die Vorgaben, die in den Roboter einprogrammiert werden, sind subjektiv. Die Entscheidung, einen Neigungswinkel des linken Knies von 168 Grad als ästhetische Norm festzulegen, ist als Setzung selbst Ausdruck eines gewissen Schönheitsideals. Gleichwohl gilt dieser Maßstab bei Fujitsus Robotertechnik für alle Athletinnen.

Schafft künstliche Intelligenz also mehr Gerechtigkeit? Gerechtigkeit ist ein großer Begriff, an dem sich die Philosophen seit der Antike abarbeiten. Es herrscht Uneinigkeit darüber, was man darunter subsumiert, doch mit der Datenrevolution scheint erstmals in der Geschichte die Möglichkeit zu bestehen, dass der Mensch anhand der von ihm erzeugten Daten nicht gerecht, aber zumindest gleich bewertet wird.

Der Mensch hat eine höhere Legitimation

Die Vorbehalte gegen künstliche Intelligenz rühren meist daher, dass man – teils aus einem falsch verstandenem Autonomiegedanken – gewisse Entscheidungen nicht der Maschine überlassen will, weil diese per se unmenschliche Urteile fälle und keine eigenen Wertvorstellungen besitze. Insofern bedeutet die Delegation von Aufgaben an eine Maschine auch immer einen Machtverlust. Die ethischen Diskussionen um das autonome Fahren, die in dem etwas konstruierten Fallbeispiel kulminierten, ob das Fahrzeug bei einem Bremsmanöver nach links in die Fußgängergruppe ziehen oder den Motorradfahrer rammen soll, zeigen, wie schwer man sich tut, die Lösung moralischer Dilemmata einer Maschine zu überantworten. 

In der rhythmischen Sportgymnastik geht es nicht um Leben und Tod, und doch betrachten wir es mit guten Gründen als unser Vorrecht, menschliche Verhaltensweisen zu bewerten. Welcher Athlet möchte schon von einem Roboter die Goldmedaille aberkannt bekommen? Der Mensch hat schon kraft seines Verstands und seiner moralischen Fehlbarkeit eine höhere Legitimation, Entscheidungen zu treffen. Einem menschlichen Kampfrichter sieht man eine Fehlentscheidung eher nach als einer Maschine, von der man Fehlerlosigkeit erwartet.