In Striptease tanzt Demi Moore um die Stange. Sie trägt Unterwäsche und Federboa, Männer stecken Geld in ihren Slip. Irgendwann wirft sie die Federboa ins Publikum, ihren BH gleich hinterher. Das ist noch immer das Bild, das viele vom Stangentanz haben, auch Pole Dance genannt. Er gehört in Stripclubs, zwischen roten Plüsch und sprudelnden Prosecco.

1996 wurde Striptease gezeigt, 20 Jahre später ist Pole Dance ein Sport. Es ist Hochleistungsakrobatik an der Stange. Die hat einen Durchmesser von 50 Millimetern. Die Sportlerinnen drehen ihren Körper in akrobatischen Figuren um die Stange. Zwischendurch hängen sie kopfüber. Ziel ist es, sich durch die eigene Körperkraft an der Stange zu halten, nicht auf den Boden zu kommen. Bei der einfachsten Drehung verlagert sich das Körpergewicht auf einen Arm. In diesem Sport kann nicht geschummelt werden, entweder man hält sich an der Stange oder nicht. Arme, Schultern, Rücken, Bauch, Po, der ganze Körper wird trainiert. Die Stange ersetzt oft ein ganzes Fitnessstudio.

Pole Dance als Empowerment

Doch der körperbetonte Sport hat es immer noch nicht leicht. Noch immer hängt ihm das Rotlichtimage nach. Seit Jahren wird deshalb über Pole Dance debattiert. Manche sagen, Pole Dance sei Empowerment. Die Frauen nutzten ihren Körper für sich selbst und gewönnen durch das Tanzen Stärke und Selbstbewusstsein. Auch einige aus der feministischen Bewegung sehen das so.

Die Guardian-Journalistin Gay Alcorn sieht das anders. Sie assoziiert mit Pole Dance die Sexualisierung der Frau und stellte schon 2010 die Frage: Was ist mit dem Feminismus passiert? Sie behauptet, dass es mit dem Sexismus schon so weit gekommen sei, dass wir ihn gar nicht mehr bemerken. Nun müssten sich Frauen schon freiwillig ausziehen, sich dem Rollenbild fügen und dabei auch noch denken, sie würden etwas Gutes für sich selbst tun. Einige Feministinnen sehen die Bewegung daher von Pole Dance bedroht. Auch ein Artikel in der Emma 2012 förderte noch einmal alle Vorurteile, die es über Pole Dance gibt, zutage: Mädels, die bekleidet mit kurzen Hotpants für Männer tanzen, Pole Dancerinnen, die vor ihrem Auftritt koksen, bald werden kleine Mädchen statt zum Schwimmkurs zum Pole Dance gehen. Erst im vergangenen Monat plädierte eine Autorin der kanadischen Website feministcurrent.com dafür, Pole Dance endlich abzuschaffen.

Wie soll Sport eine Bewegung untergraben?

Die Tänzerinnen fragt anscheinend niemand. "Die Debatte ist unverständlich. Wer den Sport probiert hat, würde darüber nicht streiten", sagt Nadine Rebel, die ein eigenes Pole-Dance-Studio in Augsburg betreibt. Sie hat verschiedene Trainerausbildungen, ist deutsche Botschafterin der Pole Fitness Association (PFA) und hat sogar ein Buch über den Sport geschrieben. Verrückt findet sie eher, dass es so weit gekommen ist, dass Frauen anderen Frauen sagen, was sie tun und lassen sollen. "Wenn man sich auf die Diskussion einlässt, widerspricht das den Grundsätzen des Feminismus", sagt sie. Denn eigentlich geht es bei der Bewegung ja darum, dass Frauen Handlungsfreiheit haben. Sie fragt sich, wie Sport eine Bewegung untergraben soll?

Pole Dance soll olympisch werden

Rebel verbringt den ganzen Tag in ihrem Studio, manchmal von neun Uhr morgens bis zehn Uhr Abends. Davon hängt sie sieben Stunden selbst an der Stange. "Wenn ich früher erzählt habe, dass ich Pole Dance mache, stand dem anderen das Wort Stripperin wie eine Leuchtreklame ins Gesicht geschrieben", sagt Rebel.

Sich immer wieder zu erklären, kann nerven. Für Rebel und viele andere ist Pole Dance einfach ein Sport, den sie mit der gleichen Leidenschaft ausübt, wie ein anderer Fußball spielt oder Hip-Hop tanzt. "Wer einmal an der Stange tanzt, sagt danach, er hätte noch nie ein solches Work-out gemacht", sagt sie. Und nicht nur Frauen machen Pole Dance, sondern auch Männer. Die Tanzsportart erfordert Stärke, Koordination, Eleganz, Beweglichkeit, Ausdauer, Konzentration und Kreativität.

Die Vorurteile werden auch dadurch abgebaut, dass sich Pole Dance wieder mehr auf seinen artistischen Aspekt besinnt. Mit dieser Ausrichtung hat der Sport mittlerweile Amerika, Europa und Teile Asiens erreicht. Seit 2005 werden Meisterschaften veranstaltet.

Pole Dance soll olympisch werden

Auch in Deutschland wird der Sport populärer. Genaue Zahlen gibt es jedoch nicht, da Pole Dance nicht in Vereinen betrieben wird, sondern in privaten Studios oder Fitnessstudios angeboten wird. Daher wurde es noch nicht vom Deutschen Olympischen Sportbund als Sport anerkannt. Bald soll Pole Dance jedoch olympisch werden. Dafür setzt sich die International Pole Sport Federation ein. Die Federation ist eine von vielen Pole-Dance-Verbänden. Die von Rebel vertretene PFA setzt sich für die Qualität von Trainern ein und zertifiziert Ausbildungen. Das ist wichtig, da der Begriff des Trainers noch nicht geschützt ist. "Zur Zeit kann sich jeder eine Stange in die Garage stellen und Pole-Dance-Trainer nennen, ohne Ausbildung", sagt Rebel. Man brauche jedoch technisches Wissen und anatomische Kenntnisse.

Was wenige wissen: Den Stangentanz gibt es schon seit Tausenden von Jahren. In der griechischen Mythologie taucht er auf, in Indien ist der Mallakhamb an der Holzstange ein Volkstanz, die akrobatischen Pole-Dance-Elemente kommen aus der chinesischen Stangenartistik. Die Kunststücke werden dort übrigens von Männern vollführt.