Tony Martin konnte sich bei seinem erneuten Weltmeistertriumph fast allein freuen. Nicht einmal 100 Personen waren bei der Siegerehrung vor dem Podium zu sehen, die meisten davon waren auch noch Journalisten und Betreuer. Unterwegs auf der Strecke war es ähnlich. Martin absolvierte eine Geisterfahrt zum Regenbogentrikot, das Weltmeister im Radfahren erhalten.

Dass so wenig Publikum an der Strecke ist hat Gründe. Draußen ist es so heiß, dass nur Übermütige die Komfortzonen mit Klimaanlagen verlassen. "Ich komme hier ja schon beim Stehen ins Schwitzen", sagte der Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) Udo Sprenger und zog sich schnell in den Schatten zurück. Wegen der glühenden Sonne haben sogar die Arbeitgeber auf vielen Baustellen im Land die für die Sommermonate inzwischen vorgeschriebene Hitzepause zur Mittagszeit bis in den Herbst hinein verlängert. Die internationale Kritik an den Arbeitsbedingungen für Arbeitsmigranten hat wenigstens das bewirkt.

Den Radsportlern fehlt eine solche Lobby. Das Teamzeitfahren der Frauen am Sonntag war ausgerechnet zur Mittagsglut angesetzt. Die dreifache Olympiasiegerin Kristin Armstrong übergab sich vor Erschöpfung kurz vor der Ziellinie, die niederländische Fahrerin Anouska Koster war von der Hitze so umnebelt, dass sie in die Absperrgitter fiel. Und Mieke Kröger, im letzten Jahr immerhin deutsche Meisterin im Einzelzeitfahren und zweifache Europameisterin in dieser Disziplin, verlor den Anschluss an ihr am Ende zweitplatziertes Team Canyon SRAM weit früher als geplant. "Das war sicher der Hitze geschuldet. Mieke leidet aufgrund ihrer Physis mehr darunter als kleinere und leichtere Fahrerinnen", diagnostizierte BDR-Vize Sprenger.

Trösten konnte sich Kröger allenfalls damit, dass auch die Siegerinnen extrem litten. "Sogar die Lungen haben wehgetan. Schon nach 20 Minuten waren wir total überhitzt", meinte die neue Teamweltmeisterin Chantal Blaak aus den Niederlanden.

Bis auf Landsfrau Roxane Knetemann, die der UCI Fahrlässigkeit unterstellte und meinte: "Die haben das nicht richtig durchdacht. In so einer Hitze sollte man gar nicht fahren, erst recht kein Zeitfahren", hielten sich die anderen Sportlerinnen und Sportler aber mit offener Kritik zurück. Nicht aus Angst, eher aus gewohnter Härte zu sich selbst. Temperaturen von über 40 Grad boten in der Vergangenheit auch schon einzelne Etappen von Tour de France oder Vuelta a España. Ganz erfahrene Leute kramten sogar Erinnerungen an die WM 1992 im spanischen Benidorm heraus. Da musste der Asphalt mit kaltem Wasser am Schmelzen gehindert werden. Mehrere gebrochene Schlüsselbeine waren die Folge der zahlreichen Stürze.

Dagegen ist Katar 2016 trotz mancher Klagen eher ein fröhliches Sommerlager. So ganz hatte die UCI ihrer eigenen Austragungsidee aber auch nicht getraut. Vor der WM verteilte sie eine 28-seitige Broschüre mit dem Titel "Beat the Heat". Sie warnte darin vor Hitzefolgen wie etwa höhere Herzfrequenzen: "In heißen und/oder feuchten Umgebungen ist die Fähigkeit des Körpers zum Abkühlen eingeschränkt. Um Wärme zu verlieren, pumpt der Kreislauf mehr Blut zur Haut, was eine höhere Leistung des Herzens erfordert." Höhere Herzfrequenz bei weniger Leistung lautet die Konsequenz.