Jan Frodeno trug Blätter des Drachenbaums und Orchideenblüten auf dem Kopf. Man hatte ihm für seinen Erfolg beim Ironman in Kona einen Siegerkranz aufgesetzt. Eine Diplomurkunde bekam er dafür nicht. Dabei wäre die akademische Auszeichnung passend gewesen in einem Sport, bei dem es hilft, die Tugenden eines Ingenieurs draufzuhaben.

Die Tugenden eines Ingenieurs sind ja deutsche Tugenden, und damit wären wir bei der Frage, die sich die Sportwelt gerade stellt: Warum sind eigentlich die Deutschen beim Triathlon so gut, dem Mix aus Laufen, Radfahren und Schwimmen, obwohl sie in den jeweiligen Einzeldisziplinen sonst nicht viel gewinnen?

Neben Frodeno aus Saarbrücken standen auf dem Siegertreppchen in Hawaii nämlich Sebastian Kienle aus Mühlacker und Patrick Lange aus Darmstadt, Andi Böcherer aus Freiburg wurde zudem Fünfter, Boris Stein aus Eitelborn Siebter. Fünf Deutsche unter den ersten Sieben. Deutsche Männer sind schon lange erfolgreich in diesem Extremsport, seit 2004 belegten sie 17 der 36 Podiumsplätze.

Deutschland ist Triathlonland. Will man wissen, warum, fragt man am besten Kai Baumgartner. Kaum ein anderer in Deutschland befasst sich so lange und intensiv mit diesem Sport, in dem er seit fünfundzwanzig Jahren selbst aktiv ist. "Dieser Sport ist etwas für Bob, den Baumeister", sagt er. "Planung, Ordnung, Tüftlersinn, Köpfchen, Disziplin – all das hilft im Triathlon mehr als in vielen anderen Sportarten."

Extrovertierte Pioniere

Wer an den Ironman in Hawaii denkt, an die zu überwindenden Höhenmeter, die Windböen und die Hitze, denkt an große Qual. Doch gerade dieses Rennen mit seinen anspruchsvollen Bedingungen belohne Athleten, die trainingsfleißig und intelligent seien, sagt Baumgartner. "Die Mentalität und Trainingsmethodik der Deutschen ist sehr wissenschaftlich und lässt auch das Material, etwa die Ernährungsstrategien, Technik am Rad und die Sitzposition, nicht unbedacht. Hier sehe ich Parallelen zu den Wintersportarten." Es gehe natürlich nicht ohne, aber im Triathlon könne man mehr als in anderen Sportarten bis zu einem gewissen Grad fehlendes Talent durch Fleiß wettmachen, weil es nicht um die Endgeschwindigkeit in ein oder zwei Einzeldisziplinen geht. "Dieses Profil ist wie geschaffen für den deutschen Mittelstand."

Und so erreichen deutsche Triathleten seit einem Vierteljahrhundert die Weltspitze. Nicht ganz so toll auf der Olympia-Distanz (1,5 Kilometer Schwimmen / 40 Rad / 10 Laufen), vor allem aber auf der Langdistanz Ironman (3,8 / 180 / 42). Dort kommen die deutschen Tugenden noch mehr zum Tragen. Hier zähle das "Gesamtpaket" mehr, sagt Baumgartner, hier könne sich selbst der Sieger eine kleine schwächere Disziplin erlauben.

Dirk Aschmoneit, Wolfgang Dittrich und Jürgen Zäck heißen die Pioniere der Achtziger und Neunziger, die teils durch ihre Extrovertiertheit, in erster Linie jedoch durch ihre Erfolge bis heute den deutschen Nachwuchs beeinflussen und motivieren. Thomas Hellriegel gewann 1997 als erster Deutscher das Rennen in Hawaii. Es folgten Normann Stadler (2004, 2006), Faris Al-Sultan (2005), Sebstian Kienle (2014) und Jan Frodeno (2015, 2016). Fast alle gaben und geben ihr Know-how an die nachkommende Generation weiter. Al-Sultan trainiert zum Beispiel den Überraschungsdritten Lange.