Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch Gesellschaftsspielchen – Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei von Ronny Blaschke. Gegenüber früheren Versionen haben wir Passagen entfernt.

In seiner Jugend interessiert sich Max für Skaten und Graffiti, für eine Weile geht er zum Punkrock, aber wirkliche Leidenschaft entwickelt er erst beim Fußball. Anfangs fährt er mit seinem Vater zu den Heimspielen von Eintracht Braunschweig, später mit Freunden aus seinem Heimatdorf. Max ist fasziniert von den Farben und Gesängen der Ultras. Für eine Mitgliedschaft in der Gruppe ist er noch zu jung, ihr Eintrittsalter liegt bei 16 Jahren. Er lässt sich davon nicht abschrecken. Er beobachtet die Kurve, sucht Gespräche mit einflussreichen Fans. Max entwirft Transparente, zündet Feuerwerkskörper, fährt auch zu den entlegenen Auswärtsspielen. Den älteren Ultras gefällt das. Es gilt die ungeschriebene Regel: Wer sich engagiert, steigt auf in der Hierarchie.

Unter den prägenden Köpfen der Ultras Braunschweig, gegründet 2001, ist Max lange einer der Jüngsten. Max nimmt sogar Prügeleien in Kauf, er wünscht sich Anerkennung. Aber er möchte auch andere Akzente setzen: mehr Jugendkultur, weniger Protzgehabe. Als er 17 ist, entsteht "Gioventù", eine Nachwuchsgruppe der Ultras Braunschweig. Mit zwei Freunden geht er auf Jugendliche im Stadion zu und überlegt, ob sie für eine Mitgliedschaft in Frage kommen. Er hält Vorträge über internationale Ultra-Gruppen, organisiert Busse für Auswärtsfahrten und schreibt Reiseberichte für Fanzines. Er übernimmt Verantwortung und verinnerlicht Rücksichtnahme. Sein Selbstbewusstsein wächst.

"Gesellschaftsspielchen – Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei" ist im Verlag Die Werkstatt erschienen. © Verlag Die Werkstatt

In der Gegenwart, gut zehn Jahre später, ist Fußball noch immer ein wichtiger Teil seines Lebens, aber nicht mehr der wichtigste. Max ist inzwischen Mitte 20 und arbeitet in einem großen Industriebetrieb in Braunschweig. Er möchte seinen richtigen Namen nicht in diesem Buch lesen, denn er kann nicht abschätzen, was eine Veröffentlichung mit sich bringt. Es geht ihm um das Thema, weniger um sich.

Bedroht von Neonazis und Hooligans

Max schließt seine Ausbildung in dem Industriebetrieb 2010 als Jahrgangsbester ab, gleichzeitig wird er in die Jugend- und Auszubildendenvertretung gewählt, in die JAV. In diesem Gremium repräsentiert er mit weiteren Mitgliedern mehrere Hundert Auszubildende, Werkstudenten und Praktikanten unter 25 Jahren. Max übernimmt viele Aufgaben in der Gewerkschaftsjugend. Regelmäßig hält er heute Reden vor mehreren Hundert Mitarbeitern, in der Betriebsversammlung vor mehreren Tausend. Er spricht in Ausschüssen und Inforunden, diskutiert mit Betriebsräten und Vertrauensleuten über Ausbildungsinhalte und Studiengebühren. Er verfasst Beiträge für Broschüren über Lohnmodelle oder soziale Pausenräume. Zeitweilig
leitet er die Jugendvertretung in Braunschweig und sitzt im höchsten Gremium der Gewerkschaftsjugend.

Fankultur und Beruf. Freizeit und Verpflichtung. Aufruhr und Bürgerlichkeit. Was verbindet diese Begriffe? Vielleicht nicht viel. Vielleicht aber auch alles. Seit ihrem Aufkommen Anfang der 1990er Jahre wurden den Ultras in Deutschland viele Stempel aufgedrückt. Sie waren wortgewandte Stimmungsmacher und zündelnde Schlägertypen, sture Kommerzkritiker und kreative Avantgarde. In fast allen Betrachtungen wurden sie als widersprüchliche Begleitfiguren des Fußballs dargestellt, die außerhalb der Stadien keine Existenz haben. Doch ihr Eifer ist nicht isoliert von ihrem Umfeld. Welche Eigenschaften
übertragen Ultras auf ihr bürgerliches Engagement? Wie ist die Wechselwirkung zwischen Fankultur und Stadtgesellschaft? Biografien wie jene von Max können nicht stellvertretend für eine Subkultur stehen, die bundesweit mehr als 20.000 Mitglieder zählt. Aber sie bereichert eine eingefahrene Debatte mit neuen Argumenten.

"Ohne meine frühen Erfahrungen beim Fußball wäre mir das Reden vor vielen Arbeitskollegen wesentlich schwerer gefallen", sagt Max. Als Mitglied der Ultras Braunschweig lebt er nicht ungefährlich. Die Gruppe positioniert sich gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung. Sie wird von Neonazis und Hooligans bedroht und angegriffen. Viele gesellschaftliche Gruppen solidarisieren sich mit den Ultras. Ihr Verein Eintracht Braunschweig behandelt sie dagegen als Störenfriede, die den Fußball mit politischen Botschaften überfrachten. Entwicklungen wie diese lassen sich in mehreren Städten beobachten: Der Fußball verschmäht das Wissen und die Hingabe seiner Ultras – die Zivilgesellschaft greift dankbar zu. Wie konnte es in Braunschweig so weit kommen?

Max wächst in einer niedersächsischen Gemeinde auf, sein Vater ist Beamter, seine Mutter arbeitet als Sekretärin. Über Politik wird zu Hause eher selten gesprochen, über Offenheit und Toleranz dagegen schon. Als junges Mitglied findet Max bei den Ultras Braunschweig 2005 ein angespanntes Verhältnis vor. Fraktionen streiten um Choreografien und Gesänge. Einige Mitglieder wollen den eingängigen Schlachtrufen treu bleiben, andere wünschen sich melodische
Rhythmen. Einige Mitglieder dulden Rassisten und Kleidung, die bei Rechten beliebt ist, für andere ist auch die Würde des Gegners unantastbar. Einige Mitglieder gehen für ein paar Monate ins Ausland. Sie beginnen ein Studium, interessieren sich für Politik und Kultur. Andere richten ihr Leben auf Fußball aus, Muskelspiele, Trinkgelage. Aus Frust zwischen Jugendfreunden wird Streit, aus Streit wird Aggression. 2006 kommt es zur Spaltung.

"In Braunschweig gilt das Faustrecht"

Die zweite Ultra-Gruppe heißt "Cattiva Brunsviga". Sie bezeichnet sich als unpolitisch und öffnet sich auch für Männer, die das Gesetz des Stärkeren predigen und nicht den Kompromiss. Max bleibt bei den Ultras Braunschweig, kurz UB 01. Sie wünschen sich ein Stadion ohne Diskriminierung. Im Alter von 17 und 18 kann Max diese Haltung noch nicht differenziert begründen. Das ändert sich, als ein Freund mit griechischen Wurzeln rassistisch beleidigt wird. Und es verstärkt sich, als seine Gruppe zur Zielscheibe wird. Von rechten Hooligans, die sich als "Hornburger Jungs" bezeichnen, als "Fette Schweine" oder "Alte Kameraden".