Als wäre nichts gewesen – Seite 1

Wäre der DFB-Bundestag ein Fußballspiel, könnte man darüber sagen: Er ist von der Taktik geprägt, erst in der zweiten Halbzeit wird mal aufs Tor geschossen, aber bloß zaghaft. Reinhard Grindel, der Präsident und erste Redner, redet viel über Integrität, Glaubwürdigkeit und die Europameisterschaft in acht Jahren. Reinhard Rauball, der Vertreter der Profivereine, macht vor allem klar, dass die Amateure ihren Wunsch auf mehr Geld abhaken können. Erst Rainer Koch, der Vizepräsident, spricht von "Monaten der Zerrissenheit beim DFB". Bevor er sich wieder auf die "neuen Wege" konzentriert.

Der DFB hat das skandalreichste Jahr seiner Geschichte hinter sich. Im Oktober verursachten Recherchen des Spiegel über die schwarzen Kassen bei der WM 2006 eine Umwälzung an der Verbandsspitze und einen großen Rufschaden des stolzen Verbands. Auf dem Bundestag in Erfurt geht es dem DFB aber um die neuen Wege. Er will zur Routine zurückkehren und neue Ziele angehen. Fast kein Wort über den WM-Skandal. Niersbach und Beckenbauer? Nie gehört, die Namen.

Aus dem Plenum, in dem 258 Delegierte aus ganz Deutschland sitzen, stellt niemand eine Frage, gibt keiner ein Statement zu der Affäre ab. Wie einen Tag zuvor Angela Merkel bei ihrer Laudatio auf Jürgen Klinsmann. In den vielen Reden der DFB-Führungsriege hört man nur Zwischendenzeiliges, inkonkrete Formulierungen:


"Bei allem, was zuletzt zu lesen und zu hören war"

"Die Angriffe der Medien und der Öffentlichkeit"

"Es war für uns ein Wechselbad der Gefühle."

Grindel darf sich als Erneuerer präsentieren

Dabei kostet die WM-Affäre den DFB viel Geld. Der Bericht der Kanzlei Freshfields war offenbar noch teurer als die angekündigten fünf Millionen Euro, der neue Schatzmeister Stephan Osnabrügge spricht von "finanziell schwierigen Jahren" für den DFB. Dabei sind in der neuen Führung alte Köpfe, von denen man gerne wissen würde, was sie wann über die dubiosen Millionenzahlungen an Katar und die Beckenbauer-Honorare wussten und unternahmen.

Der Präsident und ehemalige Schatzmeister Grindel bleibt unbehelligt. Er darf sich unwidersprochen als Erneuerer präsentieren. Nicht ohne Grund. Unter seiner Führung veröffentlicht der DFB erstmals seinen Finanzbericht. Und er beschließt in Erfurt, eine Ethikkommission zu gründen. Doch dieses Gremium unter dem achtzigjährigen Klaus Kinkel weckt Skepsis. Der DFB hat das Personal selbst ausgewählt, außerdem werden die Urteile der Ermittlungen dieser Kammer am Ende von internen Sportrichtern getroffen.

Grindel, den vor einem Jahr fast niemand kannte, hat in seinen sieben Monaten Amtszeit, in denen er den DFB übergangsweise leitete, keine großen Fehler gemacht. Man könnte sagen, er war darauf bedacht, keinen Fehler zu machen. Man kann keine Wunder erwarten, der DFB kann in der Sache Sommermärchen nicht ermitteln, das müssen staatliche Behörden tun. Es ist erstaunlich, dass die Vorkommnisse der WM-Bewerbung 2006 so konsequent beschwiegen werden, dass der Präsident "Vollzug der Aufklärung" vermeldet.

Der Sport ist und bleibt eine Scheindemokratie

Andererseits ist es wieder nicht erstaunlich. Der Sport ist und bleibt eine Scheindemokratie. Es wird zwar die Hand gehoben, aber nicht gewählt. Fast alle, die sich zur Wahl stellen, erreichen 100 Prozent Zustimmung, vom Präsidenten bis zum Hinterbänkler. Nur ein einziges Mal gibt es Gegenstimmen gegen einen Vizepräsidenten, aber nicht mal eine Handvoll. Jeder weiß: Würde geheim gewählt, fielen die Ergebnisse anders aus, ehrlicher. Die Satzung des DFB gäbe eine solche Wahlpraxis her.

Aber auf Konflikt ist niemand aus, obwohl der Name Bundestag anderes nahelegt. Es gäbe auch tatsächlich Gesprächsbedarf: Die Amateure wollen weiterhin im DFB-Pokal gegen die Großen spielen, die Profis wollen das vielleicht bald nicht mehr. Die Amateure wollen auch mehr abhaben von den Milliarden, die die Bundesliga einnimmt. Viele Vereine an der Basis klagen über große Mängel. Der höchste Amateurvertreter Rainer Koch sagt immerhin, es bleibe sein Ziel, "auf höhere Zuwendungen hinzuarbeiten", beschwichtigt aber: "durch Argumentieren und nicht, wie hier und da gefordert, durch Aufschreien".

Die Elbphilharmonie des deutschen Fußballs

Doch Koch bleibt alleine. Die vielen Delegierten der Amateure aus den Regional- und Landesverbänden, die in der Mehrheit sind, sagen keinen Piep. Vielleicht sind sie schon glücklich, dass sie alle drei Jahre zu solchen Veranstaltungen, auf denen man Bundesliga-Managern und Bundestrainern begegnet, auf Verbandskosten reisen dürfen.

Keine Fragen auch zur Akademie und neuen Verbandszentrale in Frankfurt, dem Herzensprojekt Oliver Bierhoffs. Sie könnte so was werden wie die Elbphilharmonie des deutschen Fußballs. Der Bau verzögert sich, es gibt Auseinandersetzungen mit der Stadt Frankfurt, im nächsten Jahr wird deshalb ein Außerordentlicher Bundestag notwendig. Die Akademie wird wohl mindestens 20 Millionen Euro teurer als die ohnehin schon geplanten 109 Millionen.

Vielleicht wirbt der neue Generalsekretär Friedrich Curtius in Erfurt deswegen so offensiv für eine Kooperation mit dem reichen chinesischen Fußballverband. "Wir müssen den DFB verändern", sagt er. Die Delegierten schweigen, vielleicht weil sie nicht wissen, was er meint. Vielleicht weil sie von Veränderung nicht viel halten. Den stärksten Applaus an diesem Tag erhält der erfahrene Wahlleiter Götz Eilers. Er sagt, nach all dem Gerede über neue Wege: "Auch der alte DFB hat bisweilen ordentlich gearbeitet."