Der Schock sitzt auch in unserem Lager tief: Was bedeutet Trumps Wahl für den Sport? Für die Olympiabewerbung von Los Angeles für 2024? Die geplante gemeinsame WM 2026 in Nordamerika (Mexiko, Kanada, USA)? Was, wenn Putin und Trump ein Dopingkartell bilden und sämtliche Regeln und Gesetze verhöhnen? Wichtige Themen.

Noch dringlicher aber scheint es, im Angesicht des gesamtpolitischen Wandels zu fragen: Was bedeutete der Sport eigentlich für Trumps Wahl? Hat er zu Trumps Sieg beigetragen, diesen maßgeblich erleichtert, gar erst ermöglicht?

Die Antwort darauf lautet leider: Ja. Sie ergibt sich, wenn man Trumps Triumph als den Sieg eines Phantasmas begreift (im Gegensatz zu dem Sieg eines konkreten politischen Programms). Genauer: als den Sieg des Phantasmas heroischer Männlichkeit. Als den Sieg eines Macher-und Macho-Habitus gegenüber dem lästigen Verfahrenskleinklein demokratischer Institutionen. Den Sieg einer Metaphysik des reinen, kompromissfernen Wollens gegen zärtelnde Bedenken und Abwägungen. Als den Sieg eines Versprechens von archaischer, permapotenter Durchsetzungskraft in einer Welt zunehmend erektionsschwacher Warmduscher, natürlich auch Warmduscherinnen.

Das amerikanische Volk hat keine Person, sondern eine Pose gewählt. Eine fiktive Stage-Persona, die in Gestalt von Donald Trump die grotesk überzeichnete Hoffnung verkörpert, dass in den wirklich entscheidenden Phasen ein einziger Mann, wenn er nur genug will und besondere Fähigkeiten besitzt, es für uns alle richtet. Wir kennen diesen Typen, kennen diesen Traum nur zu genau. Er wird uns seit Jahrzehnten tagtäglich mit aller emotionalen Macht direkt ins Haus serviert: per Sportübertragung. 

Fragt man sich, wo in unserer Gesellschaft das Phantasma "heroischer Männlichkeit" weiterhin quicklebendig, ja ausgesprochen erwünscht ist, wo es tagtäglich gefeiert und in seiner Wirksamkeit verkörpert wird, dann im Leistungssport, insbesondere, für die USA, die großen Teamsportarten, also American Football, Basketball, Eishockey und Baseball. Global betrachtet selbstverständlich auch der Fußball.

Hierzu kann man zunächst festhalten: Sämtliche Versuche, Frauensport marktgängig zu verankern, sind bislang gescheitert. Am Ende, so zeigt die Erfahrung, will das einfach keiner dauerhaft sehen – auch die Frauen selbst nicht. Fernsehsport ist als kommerziell vergleichslos erfolgreiches Produkt nach wie vor Männersport. Und zwar nicht nur im Sinne eines Sports, der von Männern betrieben wird, sondern im Sinne einer Aktivität, die allen vorführt, was echte Männlichkeit im Idealfall ist, sein kann und vor allem sein sollte: durchsetzungsstark, unbeirrt, gerne auch regelbrechend.

Cracks mit Grenzcharakter

Die Sportberichterstattung ist in den USA so stark personalisiert, dass sie bei allem korrekten, wohlmeinenden Interviewgewese um die Wichtigkeit "der Mannschaft" das Gegenteil vermittelt: Es geht um einzelne, starke, Entscheider: It's the player, not the game. Ein Basketballspiel, in dem ein einzelner Spieler, wie in der NBA traurige Regel, um die 40 Punkte pro Partie erzielt, ist als Mannschaftsspiel eines: strukturell verkümmert. In der Regel verkörpern diese Cracks mit Grenzcharakter auch außerhalb des Feldes voller Stolz jene zuhälternahen Attribute offener Männlichkeit, die auch Grapscher Trump während seiner gesamten Karriere golden schimmern ließ.

Doch was ist mit dem mutmaßlichen Rassisten Trump und seiner Leitvision einer natürlichen Herrschaft des weißen Mannes? Ist hier der Ballsport – gerade in Amerika – nicht eine Gegenbewegung? Klare Antwort: Nein. Zwar werden diese Sportarten, im Basketball noch dominanter als im American Football oder Baseball, vorwiegend von nichtweißen Athleten dominiert, aber gerade diese Helden zahlen habituell meist voll und ganz auf Trumps Phantasma "heroischer Männlichkeit" ein: dicke Schlitten, dicke Klunker und eine Wagenladung voll leicht bekleideter Mädchen mit dicken – Verzeihung – Titten.

Die Sehnsucht nach Uli Hoeneß

Betrachtet man es rein machtstrukturell, sind die Besitzer der betreffenden Clubs und Franchises fast ausnahmslos weiße männliche Alpha-Milliardäre, nicht selten ebenfalls aus der "Immobilienbranche". Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für die großen Sportclubs Europas. Ja, es gilt selbst für Deutschland.

Machen wir nur die Augen auf: Die Habitus-Differenzen zwischen Donald Trump und Hans-Joachim Watzke oder Dietrich Mateschitz sind so riesig nicht. Und ist die Sehnsucht des glühenden Bayern-Fans nach einer Rückkehr von Uli Hoeneß nicht klar vom gleichen Geist getragen wie die Sehnsucht des gemeinen Trump-Wählers in den USA? Daddy mag charakterlich nicht einwandfrei sein und Hunderte Millionen an Steuern hinterziehen, aber Daddy ist dafür eben authentisch! Vor allem aber weiß er, wie das Business wirklich läuft. Nicht zuletzt ist er einer von uns. Weil wir nämlich auch gerne so wären wie er!

Es ist kein Zufall, dass Trump am kritischsten Zeitpunkt seiner Kampagne – als ein Video auftauchte, in dem er sich damit brüstete, Frauen ungefragt "an die Muschi langen" zu können – dieses Prahlen zu seiner Verteidigung als reinen "locker room talk" abtat, als Geschwätz in einer Kabine. Klar, das versteht jeder Mann und zumindest der Tendenz nach hat auch jeder Mann schon mal so oder ähnlich unter der Dusche gesabbelt (der Kolumnist ausdrücklich eingeschlossen).

Den Sport trifft die kulturelle Hauptschuld

Doch blieb der wichtige Aspekt von Trumps Kabinenstil unbeachtet. Seine Wahlkampfreden sind dem pep talk zuzuordnen ("We pep you up!"), der kurzen Motivationsansprache eines Trainers. Trumps Wahlkampfauftritte stehen also für eine weitere Versportlichung des politischen Diskurses. Diesmal nicht nur über die Metaphorik, sondern über das Genre. In Trumps politischen Kabinenansprachen ging es schließlich nie um den Sachgehalt des Geäußerten, sondern einzig um die Resonanzeffekte eines Menschenfängers auf sein demoralisiertes Team. Trump hat seinen Leuten nie die Wahrheit gesagt (und die haben das auch nie erwartet), sondern genau das, was sie in diesem Moment hören wollten, um wieder Glauben an sich selbst zu fassen. Postfaktische Emotionalisierung im 15-Minuten-Takt. 

Wir kennen das. Aus dem Sport. Aus der Halbzeitkabine. Wie schrie doch Jürgen Klinsmann im Sommermärchen: "Da brennt der Baum! Das ist unser Spiel! Das lassen wir uns von niemandem nehmen! Schon gar nicht von den Polen!"

Fassen wir zusammen: Wenn es weitgehend phantasmatische Sehnsüchte waren, die Donald Trump ins Amt getragen haben, und wenn man sich die Frage stellt, welche Gesellschaftsbereiche sie befeuern und stärken, trifft den Sport eine kulturelle Hauptschuld. Er ist Teil des Problems, für das Trumps Erfolg steht, keinesfalls Lösung oder gar Therapie. Am Tag nach Trumps Sieg erklärte die New York Times, womöglich zu Recht, Angela Merkel sei die letzte Hoffnung der freien Welt. Und, bloß nebenbei, hätte die Zeitung gemäß meiner These ein Pendant aus dem Sport gesucht, wäre sie wohl auf Jogi Löw gestoßen.