Es ist ein deutscher Sonderweg, den Fußballbetrieb im Winter für einige Wochen einzustellen. Die anderen großen Ligen kennen das Konzept der Winterpause nicht: In Spanien und Italien wird nur von Heiligabend bis Neujahr nicht gespielt, in England sind Spiele am Boxing Day, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, ein Höhepunkt der Saison. Dort kennt man deswegen auch eine der Traditionen des deutschen Fußballs nicht: das Wintertrainingslager.

Zwischen dem letzten Spieltag vor Weihnachten und dem ersten im neuen Jahr liegen für die Bundesligisten je nach Saison vier bis sieben freie Wochen, von denen die meisten Vereine einen Teil in wärmeren Gegenden verbringen, um sich auf die zweite Saisonhälfte vorzubereiten. In den vergangenen 20 Jahren hat sich Belek, ein Dorf bei Antalya an der türkischen Mittelmeerküste, zum wichtigsten Ort für diese Trainingslager entwickelt. Auf den vielen Rasenplätzen in Belek erwartete die Clubs angenehmes Wetter zu einem erschwinglichen Preis, es kamen Profiteams und Bezirksligisten auf Mannschaftsfahrt.

Vier Bundesliga-Testspiele pro Tag

Noch im Januar 2016 trugen sieben angereiste deutsche Erstligisten zwanzig Testspiele in und um Belek aus, an manchen Tagen konnten die mitgereisten Fans vier Testspiele mit Bundesliga-Beteiligung pro Tag sehen. Unter anderem Gladbach, Bremen und der HSV waren dort, auch für Spielerberater und Scouts war Belek immer ein wichtiger Termin. Das ist vorbei. Die Beratungsfirma Match IQ, die Testspiele und Trainingslager für Fußballvereine arrangiert, legt sich fest: "Im Januar 2017 wird kein Verein aus der ersten oder zweiten Bundesliga seine Wintervorbereitung in der Türkei durchführen", sagt ihr Geschäftsführer Henning Rießelmann. Vergangenes Jahr waren es noch sechzehn Teams aus den beiden ersten Ligen, fast die Hälfte aller Bundesligaclubs.


Seitdem hat sich in der Türkei viel ereignet. Im Juni starben bei einem Selbstmordattentat im Istanbuler Flughafen 48 Menschen, im Juli gab es einen Putschversuch. Der von der Regierung verhängte Ausnahmezustand gilt bis heute. Vom Auswärtigen Amt wird bei einen Aufenthalt im Land "dringend davon abgeraten, in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen". Außerdem sei mit "gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen zu rechnen", und das landesweit. Die Meldungen über Kämpfe und Explosionen beschränken sich nicht nur auf das Grenzgebiet zu Syrien. Am 14. Oktober schlug eine Rakete in eine Lagerhalle zwischen Antalya und Kemer ein, am 25. Oktober explodierte in Antalya ein Auto. Beide Ereignisse geschahen weniger als 50 Kilometer von Belek entfernt.

Auch der Sport in der Türkei ist von den gesellschaftlichen Entwicklungen des Landes berührt. Bei den Gezi-Park-Protesten im Jahr 2013 verbrüderten sich Fans verfeindeter Istanbuler Fußballvereine gegen die türkische Polizei. Nach dem Putschversuch wurden auch Schiedsrichter des türkischen Fußballverbandes entlassen. Dem deutsch-türkischen Profi Deniz Naki wird wegen mehrerer Facebook-Posts die Verbreitung von terroristischer Propaganda vorgeworfen.

Auch Russlands Kicker blieben weg

"Es ist ja eigentlich noch nie was passiert in Belek", sagt Dieter Burdenski. Der frühere Bundesliga-Torwart organisiert seit Jahren Trainingslager deutscher Clubs in der Türkei. "Das ist im Augenblick mehr eine moralische Situation. Und warum soll man dorthin reisen, wenn es so viele Problematiken gibt?"

Am Donnerstag beginnt in Belek, wo neben den vielen Fußballplätzen auch zahlreiche Golfplätze gebaut wurden, ein Turnier der European Tour. Die Weltspitze bleibt dem Turnier aber weitgehend fern. Mehrere prominente Golfspieler, darunter der Deutsche Martin Kaymer, sagten ihre Teilnahme kurzfristig ab. Nicht nur sie bleiben weg. Im vergangenen Winter sorgte ein unterkühltes Verhältnis zwischen der Türkei und Russland dafür, dass viele russische Clubs ihre Aufenthalte in Belek stornierten und damit die ersten waren, die dem Standort fern blieben. Nachdem sich das russisch-türkische Verhältnis im Sommer entspannt hatte, verbrachte die russische Nationalmannschaft dann einige Tage in Belek und spielte Ende August ein Freundschaftsspiel gegen die Türkei.