Als sein Name zum ersten Mal fiel, war die Skepsis groß. Ein 28-Jähriger ohne Trainererfahrung im Herrenbereich sollte das Bundesligateam übernehmen? Die TSG Hoffenheim hatte gerade Markus Gisdol beurlaubt. Die folgende Pressekonferenz begann, aber nicht mit der branchenüblichen Vorstellung des nächsten Trainers, sondern mit der Ernennung des übernächsten. Im Club von SAP-Milliardär Dietmar Hopp laufen die Dinge eben anders.

Der übernächste hieß Julian Nagelsmann und war damals, im Oktober 2015, Trainer der A-Jugend des Vereins. Der Plan sah vor, ihn zum Saisonwechsel im Juli 2016 zum Cheftrainer zu machen. Bis dahin sollte Huub Stevens die Mannschaft führen. So lange dauerte es aber nicht. Im Februar trat Stevens wegen gesundheitlicher Probleme zurück und Nagelsmann übernahm sofort die Mannschaft, allerdings auf dem vorletzten Platz der Bundesligatabelle. Die sieben Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz innerhalb seiner ersten sieben Spiele aufgeholt und den Abstieg vermieden.

Neun Monate später wird Nagelsmann hoch gehandelt. In der laufenden Bundesliga-Saison ist die Mannschaft nach neun Spieltagen noch ungeschlagen und steht auf Tabellenplatz drei, weit vor vielen großen Namen der Liga.  Seit Julian Nagelsmann die TSG trainiert, haben nur München und Dortmund mehr Punkte gesammelt. Er gilt als kommender Bayern-Trainer, im Ausland als deutsches Wunderkind. Den besten Beweis lieferte ein Trainerkollege: "Glaubst du, du hast den Fußball erfunden?", rief Roger Schmidt ihm neulich zu. Nagelsmann war endgültig angekommen in der Riege der Besten. Am Samstag misst sich Nagelsmanns Hoffenheim in München mit dem FC Bayern. Sie tritt die Reise als ernsthafter Konkurrent an. Nach einem Sieg läge nur noch ein Punkt zwischen den beiden Mannschaften. Wie konnte es so weit kommen?

"Wenn du zu viel auf Zettel schaust, bekommst du Gegentore"

"Notnagelsmann" nannte ihn der Fernsehsender Sport1, als er seine neue Aufgabe in der Bundesliga antrat. Dabei hatte sich spätestens nach dem Deutschen Meistertitel mit den A-Junioren 2014 abgezeichnet, dass er früher oder später die erste Mannschaft des Vereins übernehmen würde. Schon mit 22 Jahren war er als Nachwuchstrainer für den Jugendbereich der TSG verpflichtet worden und trainierte nacheinander die U16, U17 und U19. Das hat System: In den TSG-Nachwuchsmannschaften sollen nicht nur Jugendliche zu Profis reifen, sondern die Trainer gleich mit ihnen.

Auch Markus Gisdol war erst zwei Jahre lang für die U23-Mannschaft des Vereins zuständig, bevor er von 2013 bis 2015 die Bundesligamannschaft trainierte. Unter Gisdols Führung war das Bundesligateam wie kein anderes auf Pressing fokussiert, das riskante Vorhaben, Ballverluste des Gegners zu provozieren und dann schnellstmöglich zum Torschuss zu kommen. Insbesondere in seiner ersten Saison erzielte die TSG auf diesem Weg sehr viele Tore, stand aber in der Defensive häufig schlecht. Das war oft aufregend für das Publikum, aber schlecht für das Punktekonto.

Julian Nagelsmann hat die Spielweise weiterentwickelt, Pressing ist nur noch ein Mittel unter vielen. Er begann, Neues auszuprobieren. In seinem ersten Spiel im Februar ließ er die Mannschaft, die jahrelang mit einer Viererkette gespielt hatte, in einem ungewöhnlichen 5-2-1-2-System auflaufen. Wenig später änderte er die Formation dann auch mehrfach im Laufe von 90 Minuten. Zettelchen wurden im Spiel auf dem Feld herumgereicht, auf denen jeder Spieler seine neue Position erkennen konnte.

Nach einer 1:5-Niederlage beim VfB Stuttgart sorgte diese Maßnahme für Häme. "Wenn du zu viel auf Zettel schaust, bekommst du Gegentore", erklärte der damalige VfB-Trainer Jürgen Kramny. Aber Nagelsmann hielt an der taktischen Flexibilität fest. Er gewann vier der fünf folgenden Spiele und erreichte vorzeitig den Klassenerhalt. Der VfB spielt inzwischen in der zweiten Bundesliga und hat erst dort mit Hannes Wolf einen U19-Meistertrainer verpflichtet. Tja.