Mitte November ist es wieder passiert: Luke Kuechly, Linebacker der Carolina Panthers, wurde beim Spiel gegen die New Orleans Saints nach einem Zusammenstoß am Kopf verletzt. Hyperventilierend und weinend saß er danach am Spielfeldrand. Die Tränen kamen wohl nicht nur wegen der Schmerzen, sondern auch aus Angst. Jeder Spieler weiß inzwischen, dass die wiederholten Kopfverletzungen beim Football gefährlich sind, dass sie das ganze Leben ruinieren können.

"Haben Sie sich nicht auch gut unterhalten gefühlt?", schrieb Kolumnist Ebenezer Samuel kurz danach in der New York Daily News. "Das ist Football, unser amerikanischer Football, der Sport, der regelmäßig Körper und Gehirne und Leben zerstört und für den wir alle verdammt gutes Geld zahlen, damit wir dabei zusehen können."

Vielen Spielern geht es ähnlich wie Kuechly, Football ist brutal. Sie erleiden Gehirnerschütterungen und andere Kopfverletzungen, die nicht auskuriert werden und zu Spätfolgen wie Demenz führen können. Die chronische Krankheit, die noch nicht ganz erforscht ist, unter der aber viele Ex-Footballer leiden, heißt Chronic Traumatic Encephalopathy (CTE). Anhand von Hirngewebsveränderungen lässt sich CTE nachweisen, bei Footballern tritt sie besonders häufig auf. Ärzte können bislang erst nach dem Tod feststellen, ob jemand tatsächlich darunter litt.

Der Hauptkläger ist schon tot

Die NFL hatte diesen Zusammenhang lange geleugnet, doch nun werden die Opfer viel Geld bekommen. Ein Vergleich über eine Milliarde Dollar zwischen der Liga und über 20.000 ehemaligen Spielern oder deren Hinterbliebenen ist in dieser Woche vom Obersten Gericht der USA bestätigt worden. Eine Gruppe ehemaliger Spieler wollte sich mit der Einigung vorher nicht zufriedengeben. Doch für die NFL hat der Vergleich einen entscheidenden Vorteil: Er vermeidet ein formelles Schuldeingeständnis und damit noch höhere Zahlungen. Ursprünglich hatten die Kläger der Liga vorgeworfen, den Zusammenhang zwischen dem Sport und chronischen Hirntraumata gezielt zu vertuschen.

Einer der Hauptkläger war Kevin Turner. Er starb in diesem Jahr mit 46 Jahren. Turner, der für die Philadelphia Eagles und die New England Patriots spielte, hatte die Nervenstörung ALS im Endstadium. Er vermutete, dass die Krankheit eine Folge wiederholter Kopfverletzungen war. Erst nachdem Turner tot war, stellten die Ärzte fest, dass er tatsächlich auch ein chronisches Hirntrauma hatte: CTE. 

Der Kampf der Footballspieler um Entschädigung dauert schon über 30 Jahre: Bereits in den 1990er Jahren versuchte die NFL, durch eigene Studien nachzuweisen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Kopfverletzungen auf dem Spielfeld, Hirntraumata und Demenz oder Depressionen gibt. Erst der Mediziner Bennet Omalu wies das nach. Er gilt als CTE-Entdecker. Vor Kurzem berichtete Omalu von Zensurversuchen der NFL. Ein prominenter NFL-Arzt habe ihm bei einem Treffen gesagt: "Bedenken Sie die Konsequenzen dessen, was Sie da tun. Wenn zehn Prozent der amerikanischen Mütter zu dem Ergebnis kommen, dass Football eine gefährliche Sportart ist, dann ist der Football tot. Reden Sie also nicht mit der Presse."

Er hielt es nicht mehr aus

Omalu tat es dennoch – und seitdem ist es nicht mehr still geworden. Auch, weil sein Kampf die Aufmerksamkeit von Hollywoodstar Will Smith erregte, der im vergangenen Jahr den Film Erschütternde Wahrheit aus der Geschichte machte. Das erhöhte den Druck auf die NFL. Noch schlimmer war jedoch, dass sich mehrere Spieler, die schwere Hirnverletzungen erlitten hatten, umbrachten.

Junior Seau war einer von ihnen: Er hielt die Folgen seines Hirntraumas nicht mehr aus, das Zittern, die Schwäche, die Einschränkungen im Alltag. Seau war ein bekannter Profi – mehrmals wurde er zum Defensivspieler der Saison gewählt. Mit 43 Jahren nahm er sich 2012 das Leben.