Auch Dave Duerson verlor diesen Kampf. Er hatte unter anderem für die New York Giants gespielt und als Verteidiger zwei Mal den Super Bowl gewonnen. 2011 schoss er sich in Florida ins Herz. Sein Kopf blieb dadurch unversehrt. Bevor Duerson sich umbrachte, schrieb er noch eine SMS: Die Ärzte sollten seinen Kopf auf CTE untersuchen. Wissenschaftler der Boston University wiesen nach, dass Duerson tatsächlich an CTE gelitten hatte.

Die Freitode und die öffentliche Diskussion führten dazu, dass die NFL handeln musste. Im Frühjahr 2016 räumte der Gesundheitsbeauftragte der Liga erstmals öffentlich in einer Anhörung vor dem US-Kongress ein, dass es einen Zusammenhang gibt. Dort stellten auch Wissenschaftler der Boston University ihre Forschungsergebnisse vor. Sie untersuchten das Hirngewebe von 94 verstorbenen NFL-Spielern. Bei 90 wiesen sie CTE nach. Bei den Gewebeproben von Collegespielern waren 45 von 55 betroffen. In den kommenden Jahren wollen die Forscher eine Methode entwickeln, CTE auch bei lebenden Patienten nachzuweisen. 

Die Sammelklage gegen die NFL, die jetzt zur Auszahlung von einer Milliarde Dollar geführt hat, wurde im Namen von 20.000 Footballspielern angestrengt. Die meisten davon sind nicht mehr aktiv, einige sind tot und ihre Familien wollen Gerechtigkeit für sie. Viele haben im College gespielt, andere als hoch bezahlte NFL-Profis. Alle, die noch leben, haben mit unterschiedlich schweren Problemen in Folge von Schädelverletzungen zu kämpfen.

Weiterhin wird das Problem verharmlost

Die hohe Zahl der Kläger steht nicht nur für das Risiko, das Spieler eingehen – sie zeigt die Popularität des Sports. Football ist ein Symbol des amerikanischen Traums, der amerikanischen Männlichkeit. Der Sport ist häufig eine Chance auf Reichtum und Ansehen für junge Männer, die aus armen Verhältnissen kommen und schon in ihrem College nur durch ein Football-Stipendium studieren können. Das Risiko des Sports war immer schon zweitrangig und wurde lange verharmlost.

Für die NFL geht es auch um schlechte Publicity: Die milliardenschweren Werbedeals müssen erhalten werden. 10 Milliarden Dollar setzt die Liga jährlich um. Immer wieder versuchten die Football-Funktionäre, Journalisten unter Druck zu setzen. Zuletzt verlangten NFL-Anwälte von der New York Times, einen Artikel zurückzuziehen, der zeigte, dass die Liga mit internen Untersuchungen noch immer versucht, das Ausmaß des Problems zu verharmlosen. Inzwischen hat auch eine unabhängige Untersuchung des Kongresses bestätigt, dass die Studien der NFL zu Hirnverletzungen absichtlich fehlerhaft und verharmlosend waren. 

In den vergangenen Jahren versuchte die NFL dann, den Eindruck zu erwecken, sie unternehme etwas. Die Liga spendete 30 Millionen Dollar an das Nationale Gesundheitsinstitut zur Erforschung von CTE. Durch Regeländerungen will man zudem Hirnverletzungen vorbeugen. Collegetrainer werden inzwischen besser geschult. Sie sollen dafür sorgen, dass junge Spieler nach einer ersten Gehirnerschütterung nicht zu früh wieder aufs Feld gehen.

Doch was bringt das?

Die NFL hat selbst gerade einen Bericht veröffentlicht, wonach die Zahl der Gehirnerschütterungen bei Spielern im Jahr 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 32 Prozent zugenommen hat. Die Liga schätzt, dass inzwischen 6.000 ehemalige Spieler aufgrund ihrer Hirnverletzungen an Demenz erkranken könnten.

Die Sammelkläger bekommen jetzt zumindest finanziell die Unterstützung, die viele von ihnen dringend brauchen. Für Spieler, die wegen der Football-Verletzungen an Demenz oder auch an Parkinson erkrankt sind, sollen die Auszahlungen bis zu 3,5 Millionen Dollar betragen. Die durchschnittliche Zahlung pro Spieler wird laut NFL 190.000 Dollar betragen. Für manche ehemalige Spieler, die keine Millionenverträge hatten, ist das nur eine bescheidene Summe, denn die Gesundheitskosten können in den USA schnell in die Hunderttausende gehen. Und ihre Lebensqualität gibt diesen Männern niemand zurück.

Für die NFL ist es wegen des fehlenden, formalen Schuldeingeständnisses ohnehin ein guter Deal, sagen Kritiker. Die Auszahlung der zugesagten Milliarde soll sich auf einen Zeitraum von 65 Jahren erstrecken.