Eine mächtige Wolke schwebte herab auf tausend Köpfe. Woanders werden Gästefans beschimpft, bespuckt, mit Feuerzeugen oder Bierbechern beworfen. Hier, in Wien, beim "Dörby of Love", hagelt es: Seifenblasen, kindliche, friedliche Seifenblasen.

Fußballfreunde und -freundinnen, kommt ihr nach Wien, dann besucht das einzig wahre Derby, das der beiden Drittligavereine Wiener Sportklub und First Vienna Football Club! Ihr werdet garantiert geschockt sein. Geschockt sein von der allumfassenden Friedfertigkeit, die über diesem Fußballfest liegt.

Rabiate Gewalt und grenzenlose Feindschaft dominieren die Derbys im Fußball zwischen Belgrad und dem Rheinland. Ob Athen oder Leipzig, ob Sofia oder Buenos Aires, das Fanvolk haut sich gern gegenseitig die Lippe dick und beleidigt einander in den schönsten Tönen. Doch zwischen Vienna und dem Wiener SK ist alles anders.

Unweit der Karl-Marx-Höfe erhebt sich im Wiener Norden das Stadion Hohe Warte, die Heimstätte von Vienna Wien. Im November war es mal wieder soweit: 5.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion in gechillter Atmosphäre. Aggrofaktor Null. Es gab keine getrennten Eingänge. Keine Polizisten in Kampfmontur, keine Videokameras, die jede Regung aufzeichnen, keine Blocktrennung, keine besoffenen Idioten. Im Casino und an den Bierständen schwenkten die Zuschauer bunt durchmischt ihre Pappbecher. Alle hatten sich richtig lieb und der nahe Turm der Wetterstation hinter dem Stadion strahlte in Blau und Gelb, den Farben der Vienna.

"Wir trinken und wir stinken. Wir sind die bösen Linken." © Karl van Worm

Seit gut zehn Jahren ist das Derby ein "Dörby of Love". Erfunden haben es – höchstwahrscheinlich gemeinsam – der stimmungsmachende Viennafanklub Döblinger Kojoten und die FreundInnen der Friedhofstribüne des Wiener SK. Weil man in den politischen Ansichten und dem friedlichen Spaß am Fußball nicht so weit auseinander liegt. Weil Gewalt beim Fußball Scheiße ist und man Rivalität kreativ ausleben möchte. Die Hierarchien sind flach, Vorsänger gibt es nicht, wer Lust hat, stimmt ein Lied an, sofort fällt die Masse ein. Ultra ist nicht angesagt, dumpfes Gepöbel wird abgelehnt.

Austria und Rapid lässt man rechts liegen

Die Fanszenen unterscheiden sich nur farblich. Viele Studenten, viele Frauen, beide Kurven sind stark alternativ geprägt. Wer in Wien Lust auf Fußball, aber keine Lust auf Stress hat, geht zu einem der beiden Vereine – und lässt die erstklassig kickenden Clubs Austria und Rapid Wien rechts liegen.

Obgleich Vienna früher als Club der "G'stopften", der Reichen, bezeichnet wurde. Und der WSK ehemals ein kleinbürgerlicher Vorstadtverein war. Manchmal stimmt Vienna ein ironisches: "Wir sind asoziale Döblinger (in diesem Stadtteil steht das Stadion), schlafen unterm Porsche und vorm 5-Sterne-Hotel" an, um den alten Zeiten Referenz zu erweisen.