Wie Silke Kassner ging es vielen Athleten nach dem neuesten Sportskandal. "Jahre trainiert, weh getan, gefroren, gepaddelt, gereist, gearbeitet – ich heule", twitterte die deutsche Kanutin enttäuscht, fassungslos, wütend. Der zweite McLaren-Report, der die bereits vorhandenen Beweise über Russlands Staatsdoping vertieft, hat ihr gezeigt: Sie hat sich an die Regeln gehalten, andere aber nicht. Sie hat sich für ihren Traum vom olympischen Gold gequält, andere haben sie hintergangen.

Russlands Sport sei eine "institutionelle Verschwörung" – das ist die Essenz des Reports. Russland habe die Olympischen Spiele von London 2012 und Sotschi 2014 "korrumpiert", selbst die Weltsportspiele der Studenten 2013 war verseucht. Man kann nachlesen, wie die Verantwortlichen in Moskau lernten, wie man Urinproben noch cleverer manipuliert, mit Nescafé zum Beispiel. Russland mogelt, Putin ist ein Betrüger. McLaren 2 wurde pikanterweise an dem Tag publik, an dem die CIA behauptet, der Kreml habe die Wahl Trumps begünstigt.

Mit Betrügern spielt man nicht gerne, diese Schulhofregel gilt fürs Leben.

Nun kann es eigentlich keine zwei Antworten auf die Frage geben, ob Russland von den nächsten Spielen und anderen Wettbewerben auszuschließen ist. Es kann eigentlich auch keine zwei Antworten auf die Frage geben, ob IOC-Präsident Thomas Bach zurücktreten sollte. Bach hatte die Betrüger bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 mitmachen lassen. Um es klar zu sagen: Russland muss suspendiert werden und Bach sollte gehen.

Denn Doping macht den Sport kaputt, die Menschen wenden sich ab. Russlands Dopingsystem hinterlässt nur Verlierer: den Sport, die Fans, die sauberen Sportler aus anderen Ländern.

Aber es geht nicht nur um Sport. Der Fall hat eine größere Dimension, er produziert Opfer. Die größten sind die russischen Athleten selbst. Denn es ist Chemie im Spiel. Und viele werden an den Spätfolgen der Spritzen- und Tablettenkur leiden. Manche werden sogar daran sterben.

Russlands Athleten sind nicht die Betrüger. Es mag Profiteure unter ihnen geben, mit Gold um den Hals. Doch die im Dunkeln sieht man, wie immer, nicht. Dazu muss man sich vergegenwärtigen: Im Sport geht es fast immer um junge Menschen, und Russlands Kinder gehen aus den gleichen Gründen zum Sport wie amerikanische, kenianische oder deutsche. Sie wollen sich mit anderen messen, wollen geschätzt, geliebt, bewundert werden. Und dann geraten sie in ein Zwangssystem, in die Diktatur Sport. Nein sagen wird dort nicht gelehrt, in Russland schon gar nicht.

Tausende Namenlose leiden

Der McLaren-Report überführte mehr als tausend russische Sportler. Man kann davon ausgehen, dass "zum Wohle des Volkes" weit mehr vollgepumpt und -gespritzt wurden. Das russische System dürfte sogar fast deutsche Dimensionen annehmen. In der DDR wurden in den Achtzigern mehr als zehntausend Kinder und Jugendliche in den Sportvereinen und -schulen auf zynische Art missbraucht und vergiftet. Mit deutscher Gründlichkeit, Bürokratie und Strenge, mancherorts noch über den kranken Staatsplan der Stasi hinaus.

Heute leiden – in Deutschland – tausende Namenlose unter schwersten körperlichen Schäden und Psychosen. Vierzigjährige, einst vitale Menschen, können nicht mehr ohne fremde Hilfe leben. Einige haben ihr früheres Sportlerleben noch gar nicht als Ursache ihrer Krankheiten identifizert. Manche siechen dahin, einige sind bereits gestorben. Selbst manche Kinder der Doping-Opfer kommen krank auf die Welt. Im McLaren-Report ist häufig sogar von Oral-Turinabol die Rede, die legendäre "blaue Bohne" der VEB Jenapharm, die DDR-Wunderpille. Chemie wirkt, wenn auch manchmal erst nach Jahrzehnten. Das ist ein Naturgesetz. In Russland wird es auch so kommen. Und keiner kümmert sich um die Opfer, am allerwenigsten der Sport.

Schlimm genug, dass man keinem Medaillenspiegel mehr trauen kann. Noch schlimmer ist die Erkenntnis von McLaren: Der Spitzensport geht über Leichen.