Es wäre auch zu schön gewesen. Gestern veröffentlichte die New York Times einen Artikel, in dem sie die neue Chefin der russischen Antidopingagentur (Rusada) zu Wort kommen ließ: "In Russland hat es institutionalisiertes Doping gegeben", sagte Anna Anzeliowitsch da, man sei selbst geschockt vom Ausmaß.

Es war eine kleine Sensation. Eine russische Funktionärin gab erstmals zu, dass ihr Land ein Dopingsystem orchestrierte. Die Einzelfalltheorie wäre dahin gewesen.

Erst am vergangenen Donnerstag hatte Präsident Wladimir Putin das seit Monaten vorgetragene Mantra erneuert: "Einfach unmöglich", sagte Putin über den Vorwurf des Staatsdopings.

Heute bestritt die Rusada dann die Aussagen. Man sei falsch zitiert worden. Die russische Funktionärin Anzeliowitsch habe nur die Worte des Wada-Ermittlers Richard McLaren wiedergegeben, der in seinem zweiten Bericht Anfang Dezember ebenfalls vom institutionalisierten Doping, aber nicht mehr, wie noch zuvor, vom Staatsdoping gesprochen hatte. Die Journalistin der New York Times widerum antwortete, dass alle Zitate so gefallen seien.

Das passt zu diesem Jahr, es wird weiter herumlaviert und getrickst, dementiert und hinausgezögert. Trotz erdrückender Beweise auf Hunderten Seiten, festgehalten in beiden Berichten des Wada-Ermittlers McLaren, leugnen Russlands Funktionäre hartnäckig, dass es ein solches Dopingsystem überhaupt gegeben habe. Würde man den Sportfunktionären ein Dreieck zeigen, sie würden es wahrscheinlich einen Kreis nennen. Auch sie verhalfen dem Wort postfaktisch im Sportjahr 2016 zu seiner Größe. 

Russlands Rückzieher nimmt keinen Druck von den Sportbossen. An Heiligabend schickten 101 aktive Langläufer aus acht Nationen Weihnachtspost an den IOC-Präsidenten Thomas Bach und an ihren Weltverband. In einem offenen Brief schrieben sie, dass "die Glaubwürdigkeit dessen, was es bedeutet, ein olympischer Sportler zu sein, beschädigt wurde". Die Sportführer seien zu nachsichtig mit den Erkenntnissen des aufgedeckten Dopings in Russland gewesen, der Betrug könne weitergehen. Auch 15 Deutsche unterschrieben.

Das passt zu einer Reihe von Entscheidungen der vergangenen Woche. Seit der zweite McLaren-Bericht zum organisierten Doping in Russland Anfang Dezember veröffentlicht wurde, verlor Russland einen Biathlon-Weltcup im März, die Junioren-WM der Biathleten, das Weltcup-Finale der Eisschnellläufer und die Weltmeisterschaft der Bobfahrer in Sotschi.

Alle Wettkämpfe hätten bis Anfang März 2017 stattfinden sollen. Offenbar aber halten die wenigsten Sportverbände Russland noch für einen tragbaren Ausrichter. Dabei ist der russische Wintersport, dem jetzt so viele Wettkämpfe entzogen wurden, wichtig. Biathlon ist in Russland ähnlich beliebt wie Fußball in Deutschland. Einige aktive russische Langläufer und Biathleten stehen seit Anfang Dezember unter Dopingverdacht, die ersten wurden nun gesperrt. Unter ihnen sind Olympiasieger und Vizeweltmeister. Das IOC empfahl, vorerst keine Wettkämpfe mehr nach Russland zu vergeben.

Bislang war der organisierte Sport nicht damit aufgefallen, Wettkampfvergaben an so kühne Kriterien wie Moral oder Ethik zu knüpfen. Gegen die IOC-Empfehlung ging die Biathlon-WM 2021 nach Russland, nur wenige verstehen, warum. Das heiße Katar hält man für einen verantwortungsvollen Fußball-WM-Gastgeber 2022, die Smogstadt Peking wird im gleichen Jahr sicher hervorragende IOC-Winterspiele ausrichten. Doch niemand hat so überreizt wie Russland. Erst betrogen, dann abgestritten. Das ist offenbar selbst dem moralisch tieffliegenden Sport zu viel. Wer an einen seriösen Ausrichter für Leistungssport denkt, streicht Russland besser von der Liste.