Lutz Lindemann blinzelt listig in die Sonne. "Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können. Solange man lebt, lernt man. Ich habe noch nie so freundliche Leute wie hier getroffen", sagt der einstige DDR-Nationalspieler und Jenaer Europapokalheld. Er sitzt am Mutter-Teresa-Boulevard vor einem der vielen Cafés der kosovarischen Hauptstadt Prishtinë (auch Prishtina oder serbische Schreibsweise: Priština), hier flaniert an schönen Tagen das halbe Land.

Lutz Lindemann ist seit dem Sommer in Prishtinë. Geholt als Sportdirektor, übernahm er im Herbst auch die Trainerrolle beim "FC Bayern München des Kosovos". Den KF Prishtina gibt es seit 1922, er ist eines der Gründungsmitglieder des kosovarischen Fußballverbands. Dieser ist seit Mai 2016 das 55. Mitglied der Uefa und das 210. Mitglied der Fifa. So hat der KF Prishtina seit ein paar Monaten endlich die Chance, sich in der nächsten Saison für die Champions League zu qualifizieren.

"Darum wurde ich geholt. Das ist hier der große Traum aller Kosovaren, endlich auch im Fußball international wahrgenommen zu werden", sagt Lindemann. Der KF Prishtina würde es in der ersten Runde mit Teams aus Gibraltar oder Andorra zu tun haben. Das wäre zu schaffen. Doch spätestens in der zweiten Qualifikationsrunde dürfte es mit der aktuellen Mannschaft nicht weiter gehen, die etwa gehobene deutsche Regionalligaqualität besitzt.

Der Lieblingskinoheld des Rentners Lindemann ist John Wayne. Zäher Pionier, furchtloser Cowboy. Ähnliche Qualitäten sind auch im Kosovo gefragt. Das fängt bei den Trainingsbedingungen an und hört bei merkwürdigen Schiedsrichterentscheidungen nicht auf. "Ich plane erst mal für ein Jahr, ich habe Bock auf die Aufgabe. Vielleicht lerne ich ja dann, wie die Kosovaren mit zwei Handys gleichzeitig bei 120 Sachen zu telefonieren und mit den Oberschenkeln das Auto zu lenken", sagt Lindemann. "Wer zögert, bereut", lautet ein altes albanisches Sprichwort.

Fußballer kamen in den Knast

Seriöse Strukturen müssen im Kosovo erst geschaffen werden. Von Leuten wie Lutz Lindemann. Oder Remzi Ejupi, dem Präsidenten des Vereins. Ein fußballverrückter Kosovare und Geschäftsmann, wohnhaft zumeist in Hessen.

Ejupi, seit Jahrzehnten beim KF Prishtina dabei, sagt: "Wer in den Wirren des Krieges in den Neunzigern im Kosovo Fußball spielte, wurde von außen bezahlt. Der kosovarische Fußball wurde von den Serben kleingehalten." 1991 sind alle kosovarischen Teams raus aus dem jugoslawischen Verband. In der Folge seien sie aus unserem Stadion geworfen worden, sagt er. Es folgten fünfundzwanzig Jahre Leid. 2000, nach der relativen Unabhängigkeit des Kosovo, durfte der KF Prishtina zurück ins Stadion. Dann nochmal sechzehn Jahre warten bis zur Aufnahme in Fifa und Uefa.

"Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben", sagt Ejupi. "Wir schufen in den Neunzigern eine eigene Liga, unabhängig von Serbien. Wir haben Trikots, Bälle und Geld ins Land geschmuggelt." Viele Spieler kamen wegen vermeintlich politischer Vergehen in den Knast. Fußball wurde weiter gespielt. 1997 wurde ein Spiel zweimal von der Polizei unterbrochen. "Nach der ersten Unterbrechung sind wir 25 Kilometer gefahren, neun Mann in einem Yugo", sagt Ejupi. "Da hat uns die Polizei wieder erwischt. Sind wir 40 Kilometer weitergefahren und haben das Spiel beendet. Gewonnen, natürlich."