Der Lette Martins Dukurs ist Skeletonfahrer. Einer der Mutigen, die sich kopfüber in einen Eiskanal stürzen. Dukurs hat gemischte Gefühle, wenn er an den russischen Badeort Sotschi denkt. 2013 gewann er dort den Gesamtweltcup, das ist das eine. 2014 wurde er bei den Olympischen Spielen in Sotschi Zweiter. Der Sieger: ein Russe, Alexander Tretjakow.

Und das ist das andere. Tretjakow steht unter Dopingverdacht, wie viele andere russische Athleten. Mittlerweile ist klar, dass die Sotschi-Spiele in die Geschichte eingehen werden als diejenigen, bei denen Russland den Rest der Welt nach Strich und Faden betrogen hat. Doping war staatlich verordnet, oben ließ sich Tretjakow feiern, in den Kellern wurden die russischen Proben vertauscht und gefälscht. In der Mixtur verschwand der Sportsgeist. Mehr als 1.000 Sportler sollen gedopt gewesen sein

Ein Sportverband zeigt Haltung

Beinahe wäre das Duell Dukurs gegen Tretjakow ausgerechnet in Sotschi in die nächste Runde gegangen. Im Februar hätte dort die Weltmeisterschaft der Skeleton– und Bobfahrer stattfinden sollen. Als würde man einem Kniffelspieler, der mit sechs Würfeln antritt, noch Zusatzpunkte aufschreiben. Der Präsident des russischen Bobverbandes, Alexander Subkov, steht auch unter Dopingverdacht. In Sotschi gewann er noch Gold. Die WM wäre zurück an dem Ort, an dem der "olympische Geist gestohlen wurde", wie der lettische Bobverband schrieb.

Doch nun ist etwas Seltsames passiert, etwas Großartiges: Ein Sportweltverband bewies Haltung, endlich. Der Bob- und Skeleton-Verband (IBSF) entzog Russland die WM und wird sie an ein anderes Land vergeben. Mehrere deutsche Orte haben Interesse, auch St. Moritz gehört zu den Kandidaten.

Es ist eine Entscheidung, zu der man dem IBSF beglückwünschen muss. Bei der Vergabe 2013 wusste er noch nicht, auf wen er sich da einlässt. Nun wird zum ersten Mal gehandelt und nicht nur über zero tolerance gesprochen. Das erfordert besonders viel Mut, denn Russlands Sportfunktionäre sitzen in vielen Weltverbänden in den ersten Reihen. Es hätte keinen gewundert, wenn trotz der Enthüllungen alles einfach weitergeht.  

Die Deutschen haben Samthandschuhe an

Die Bob- und Skeletonfahrer beweisen das Gegenteil, ein Grund mehr, Schlittenfahren gut zu finden. Mehrere Athleten hatten ihre nationalen Verbände aufgefordert, sich für eine Verlegung der WM einzusetzen. Voran gingen die Letten um Dukurs, die in Russland auf keinen Fall an den Start gegangen wären. Auch Athleten aus den USA, Südkorea, Großbritannien, Deutschland und Österreich äußerten sich. Der deutsche Bundestrainer René Spieß sagte: "Ich denke, wenn die IBSF für sauberen Sport stehen will, ist der Entzug die logische Konsequenz."

Die WM drohte zum Fiasko zu werden, der Weltverband musste handeln. Immer mehr Sportler und Trainer durchschauen die Spielchen der Verbände. Manche mehr, manche weniger: Das Statement der deutschen Athletenvertretung zum zweiten McLaren-Report ist mit Samthandschuhen geschrieben. Die Letten schrieben mit der Faust in der Tasche.

Welcher Verband wird den Bob- und Skeletonfahrern folgen? Wer nimmt seine Verantwortung im Sport endlich ernst? 2020 soll in Russland die Rodel-WM stattfinden. Sie wurde im September 2016 vergeben, nachdem das russische Dopingsystem schon enthüllt war. Gleiches gilt für die Biathlon-WM 2021. Obwohl das IOC es anders empfohlen hatte. Obwohl die McLaren-Berichte zeigen, dass Biathlon vom russischen Dopingsystem am meisten betroffenen war.

Und dann sind da ja auch noch die Fußball-WM 2018 und der Confederations Cup schon im nächsten Jahr. Natürlich werden diese Turniere stattfinden, von der Fifa sind integre Handlungen kaum zu erwarten. Schon die Vergabe roch nach Skandal. Russland hatte die schlechteste Bewerbung, aber mächtige Fürsprecher. Nach der Kür wurde Franz Beckenbauer Gazprom-Botschafter. Als man die Vergabe untersuchen wollte, waren plötzlich alle Computer zerstört. 

Der Fußball taucht auch in beiden McLaren-Reports auf: "Fußball –nicht anfassen, Anweisung von VL". Hinter dem Kürzel vermutet man den russischen Sportminister Vitali Mutko, der auch Fifa-Vizepräsident und WM-Cheforganisator ist. Womöglich schützt er dopende Fußballer. Konsequenzen? Bislang keine.