Selbst die Menschen, die ihn nie selbst in der Stadt oder im Stadion gesehen haben, sagen: "Ho visto Maradona" ("Ich habe Maradona gesehen!"). Taxifahrer, Kellner, Straßenverkäufer und Prostituierte, sie alle sprechen noch vom "kleinen Magier". Zum Beispiel Mario, der Bäcker. Er sagt: "Allein das Wort Maradona im Mund zu führen, bringt Glück." Ob beim Bäcker, in der Bar oder im Tabakladen, von überall strahlt dem Neapel-Besucher der argentinische Ausnahmefußballer Maradona entgegen.

Auch dreißig Jahre später dominiert Maradona Neapel. 2017 wird ein Maradona-Jahr, weil der bis dahin notorisch erfolglose Club dank des Argentiniers 1987 zum ersten Mal in seiner Geschichte Meister wurde.

Erst am Montagabend war er wieder da, um bei der 3x10-Show (Er trug die Rückennummer 10) im ältesten Opernhaus der Welt, dem San Carlo, aufzutreten. 2.000 Karten, der Preis für manche bei 330 Euro? Schnell ausverkauft. Kritik an einer Popaufführung im Opernhaus? "Von mir aus kann er im San Carlo alles machen, sogar tanzen", sagen sie auf der Straße.

Neapels Liebe zum Argentinier wabert durch die Stadt. Am deutlichsten tritt sie an Spieltagen hervor, wenn der SSC antritt. Im Dezember war Inter Mailand zu Gast. 

Neapel-Fans besingen Maradona

Im Stadion schwenkten die Fans ihre Fahnen, Schals und Schärpen, von denen mal freundlicher, mal strenger Maradona auf seine Schäfchen herabschaute. Das Stadion war gut gefüllt, etwa zu zwei Dritteln, und die beiden Hintertorkurven brüllten ihr Team nach vorn. Maradona-Napoli-Lieder klingen so: "Ich werde dich niemals verlassen, das weiß ich genau, ich bin verrückt nach dir, das weißt, das weißt du. Ich bin frei, frei für dich, du weißt warum. Ich bin verrückt nach dir, du weißt das. Für dich, für dich, ich singe für dich, ich bin verrückt nach dir, ich lebe für dich!"

Als sich Diego Armando Maradona im Sommer 1984 dem SSC Neapel anschloss, wurde er von 75.000 hysterischen Menschen im Stadion begrüßt wie der Messias. Ausgerechnet die arme, chaotische Stadt im Süden hatte das Rennen um seine Verpflichtung gemacht! Unvorstellbare 24 Millionen D-Mark legte der damalige Präsident auf den Tisch. Noch heute ist unklar, wo das Geld eigentlich herkam.

Den Fans war es wurscht, ahnten sie doch, dass mit dem Wuselpaket eine neue Epoche Neapels anbrechen sollte. Sieben Jahre lang blieb er und tatsächlich: Der SSC wurde 1987 erstmals in seiner Geschichte italienischer Meister. Tagelang wurde gefeiert, glückstrunkene Neapolitaner bejubelten ihren neuen Schutzheiligen.

Ein Straßenverkäufer mit einer Maradona-Statue © Karl van Worm

Dass Maradona deswegen noch immer verehrt wird, hat auch mit dem mysteriösen Selbstbewusstsein der Neapolitaner zu tun, die sich traditionell für einen Stamm der Zukurzgekommenen halten. Kai Tippmann, der zu den Gepflogenheiten des italienischen Fußballs bloggt, antwortet auf die Frage nach der neapolitanischen Gemütslage: "Der Neapolitaner zu Italien: Italien ist da, wo niemals die Sonne scheint, man nichts Gutes zu essen bekommt, die Menschen kaltherzig und arrogant sind und man trotzdem mehrheitlich lebt und arbeitet."

Maradona, dem Schützen des Tors des Jahrhunderts, wurden Hausaltäre, Straßenkirchen und heilige Stätten gewidmet. Sie existieren noch heute und werden von seinen Fans liebestoll gepflegt. Neapel ohne Maradona ist wie Maria ohne Jesus.