In der Wahlheimat von Dagur Sigurðsson, Berlin, gibt es einen wunderbaren Begriff für solche Ecken: JWD – janz weit draußen. So nennt der Berliner abgelegene Gegenden außerhalb der Stadtgrenzen. Und nach acht Jahren in Charlottenburg hat Sigurðsson den Begriff sicher schon gehört. Janz weit draußen vom Zentrum der französischen Hafenstadt Rouen liegt auch die Unterkunft, die der Handballbundestrainer und sein Team am Mittwoch zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft bezogen haben.

Auf den ersten Blick geht das Hotel als Verwaltungsgebäude aus den 80ern durch, das Foyer versprüht den Charme einer Bahnhofshalle, und die Aussicht – nun ja, betonierter grauer Durchschnitt. Kein Vergleich zu dem Pomp, den es vor zwei Jahren in Katar zu bestaunen gab. Damals residierte die deutsche Mannschaft im noblen Hilton Hotel mit bestem Blick auf den Persischen Golf.

"Wir wollen den Titel gewinnen."

Zwischen der WM in der Wüste, Sigurðssons erster als Bundestrainer, und dem seit Mittwoch laufenden Turnier in Frankreich, Sigurðssons letzten, liegen nicht nur geografisch Welten. Nach Katar durfte der Deutsche Handballbund (DHB) seine Auswahl nur dank einer umstrittenen Wildcard entsenden, die Weltverbands-Präsident Hassan Moustafa, ein ähnlich integrer Zeitgenosse wie Sepp Blatter, wohl anordnete. Genau wird man das nie erfahren. 

Seitdem ist so viel passiert, dass die Deutschen vor ihrem WM-Eröffnungsspiel am Freitag gegen Ungarn (17.45 Uhr, live bei dkb.handball.de) wieder zu den Topfavoriten zählen, neben Gastgeber Frankreich und Olympiasieger Dänemark. "Wir sind nach Frankreich gefahren, um den Titel zu holen, das muss unser Ziel sein", sagt Torhüter Andreas Wolff.

Die Renaissance des deutschen Handballs ist vor allem mit einem Namen verknüpft: Dagur Sigurðsson. Der Isländer hat die Nationalmannschaft zu einem herausragenden Jahr 2016 geführt: In Polen gelang ihr mit dem EM-Titel eine Sensation. Niemand hatte mit diesem Sieg gerechnet. Und nur wenige Monate später, bei den Olympischen Spielen in Rio, bestätigte sich Sigurðssons Arbeit mit der Bronzemedaille. Mit den Deutschen ist wieder zu rechnen, das war die Kernbotschaft des vergangenen Jahres.

Sein letztes Turnier

Der Verband hat Olympiagold 2020 in Tokio zum Ziel erklärt. Sigurðsson hat also geschafft, was man ihm bei seiner Vorstellung im Oktober 2014 auftrug: Er hat das DHB-Team nach entbehrungsreichen Jahren zurückgeführt in die Weltspitze und, das ist ebenso wichtig, in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Das EM-Finale in Krakau verfolgten vor einem Jahr 13 Millionen Menschen am Fernseher. Unter den besten TV-Einschaltquoten des vergangenen Jahres war das Rang 17, alles davor und auch weit danach waren Fußballspiele.

Umso größer war das Erstaunen, als Sigurðsson Ende November bestätigte, was in den Wochen zuvor bereits herumwaberte: Er wird seinen bis 2020 laufenden Vertrag mit dem DHB nach der WM kündigen. Er und der DHB hatten sich das Recht zur Kündigung im September 2014 zusichern lassen.

Bald wird er sich einem neuen Projekt widmen und Japans Handballauswahl auf die Olympischen Spiele in Tokio vorbereiten. Japan? Das Handballentwicklungsland am anderen Ende der Welt? Wie kann er nur? Nicht wenige hielten Sigurðsson angesichts dieser Entscheidung für einigermaßen verrückt oder für einen Raffzahn, der dem besten finanziellen Angebot folgt.

Er bestritt das stets vehement. "Ich habe das aus persönlichen Gründen so entschieden", sagt er. Kürzlich hat er daheim auf Island ein schlichtes Ferienhaus mit ein paar Kilometern Strand gekauft und wieder hergerichtet. Die Hütte in den Westfjorden, der Heimat seiner Frau Ingibjörg, die nach Jahren des Umziehens wieder als Lehrerin arbeiten möchte, soll das neue Zentrum der Familie werden. Dort wollen die Sigurðssons mehr Zeit verbringen.