Bob Hanning ist bekannt dafür, seine Meinung stets offen zu äußern und unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Es gehört zu seinem Job. Der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) eckt gern und regelmäßig an oder bringt Kontroversen ins Rollen, dabei schießt er bisweilen auch über das Ziel hinaus. Doch von ihm sind auch zu einhundert Prozent konsensfähige Aussagen überliefert, etwa die nach dem Viertelfinale beim olympischen Handballturnier in Rio de Janeiro. "Man kann für ein Land spielen oder für sein Land", sagte Hanning, Deutschland hatte soeben Katar abgefertigt (34:22). Er ergänzte: "Wir haben Letzteres getan." Die Genugtuung war sicht- und hörbar.

Es war eine Ohrfeige für Katar, das sich so offensichtlich seinem Schicksal ergeben hatte, wie man es zusammengekauften Teams gern nachsagt: ohne Emotionen, ohne Wehrhaftigkeit und ohne großen Stolz für das Trikot, in dem sie aufgelaufen waren. Konnte das die Mannschaft gewesen sein, gegen die Deutschland noch im Januar 2015 bei der WM in Katar ausgeschieden war? Der Vizeweltmeister der WM 2015? Schwer vorstellbar, doch das olympische Turnier zeigte es ganz deutlich: Katars Erfolg war nur von kurzer Dauer.

Was sich in Rio andeutete, setzt sich bei der WM in Frankreich gerade fort. Katars Auswahl ist die große Enttäuschung des Turniers. Mit Mühe zog die Mannschaft ins Achtelfinale ein. Das Team des spanischen Trainers Valero Rivera wurde Vierter der Gruppe D, die am schwächsten besetzt war. Nun trifft Katar wieder auf Deutschland (18 Uhr, Livestream bei handball.dkb.de).

Es ist das dritte Duell nach dem WM-Viertelfinale von 2015 und dem Olympiaviertelfinale 2016. Allerdings waren die Rollen nie so klar verteilt wie jetzt: Alles andere als ein deutscher Sieg wäre eine Überraschung – man könnte auch sagen: eine Sensation. Zum Teil weil die Deutschen mittlerweile viel stärker und unberechenbarer geworden sind. Vor allem aber liegt es an Katar selbst.

Eine Regel macht es möglich

Im Kader von Trainer Rivera stehen zwar weiterhin große Namen. Das Tor hütet noch immer der Ausnahmekönner Danijel Šarić, die Rückraumachse bilden Rafael Capote und Bertrand Roiné. Doch dafür sind die Leistungsträger Žarko Marković, Goran Stojanović und Borja Vidal nicht mehr dabei. Vor allem der Verlust des Kreisläufers Vidal wiegt schwer. Der 120-Kilo-Koloss schuf stets viele Freiräume für seine Mitspieler und war auch selbst torgefährlich.

Šarić? Stojanović? Marković? Capote? Katars Erfolg beruhte auf südosteuropäischen Schultern. Capote kommt aus Kuba und Vidal, mittlerweile nicht mehr dabei, war Spanier. Möglich macht das eine Regel des Weltverbands IHF, wonach Sportler ihre Nationalität wechseln dürfen, sofern sie drei Jahre lang kein Pflichtspiel für ihr Heimatland bestritten haben. Zwar hatten zuvor schon andere Nationen die Regel genutzt: Spanien bürgerte einst Welthandballer Talant Duschebajew ein, für Deutschland spielten die in Polen oder in der Ukraine geborenen Bogdan Wenta und Oleg Velyky. Doch keiner stellte sich sein Team so international zusammen wie Katar.