Es gibt nicht viele Erfahrungswerte, die ich nach fast 20 Jahren Sportpublizistik an jüngere Kollegen weiterzugeben hätte. Womöglich ist es sogar nur ein einziger: Wenn du das aussprichst, was jeder sieht und weiß, aber keiner wissen will, trittst du einen Sturm der Empörung los. Nichts beschützen und verteidigen strukturelle Idioten – wie es wahre Sportfans definitionsgemäß sind – heftiger als ihre eigenen Lebenslügen. 

Der real existierende Fernsehsport des Jahres 2017 ist ein permanenter und offener Verrat an sämtlichen Werten und Prinzipien, die diesen Sport gemäß des ihn medial tragenden und politisch legitimierenden Diskurses eigentlich leiten sollten. Dieser Sport ist erstens weitgehend und unheilbar dopingverseucht. Er ist zweitens institutionell weitgehend regelzynisch und korrupt. Und es ist drittens ein Sport geworden, in dem sich für Athleten zwar sehr vieles lohnt und auszahlt, vorrangig aber nicht die Leistung auf dem Platz.

Die drei Verlogenheiten des Weltsports

Die dominanten Sportereignisse unserer Zeit verkörpern und vermitteln tagtäglich die zynischen und letztlich gesellschaftszerfressenden Prinzipien der Post-Fairness, der Post-Normativität und der Post-Leistung. Es sind die drei großen Kernverlogenheiten des Weltsports. Eben jener Leistungssport, den wir als Fans aus tiefstem Herzen lieben und verehren, der für viele von uns ein unverzichtbares Zentrum unserer Identität und unseres Lebenssinns bildet, ist aufgeputschter Fake-Sport. Jedes Dschungelcamp ist ethisch würdiger. Das ist die Wahrheit und in Wahrheit kennen wir sie alle.

Eigentlich ist die Faktenlage so erdrückend und offen einsehbar, dass man sich gar der Pflicht enthoben wähnt, eigens für ihre Stichhaltigkeit argumentieren zu müssen. Das trifft insbesondere auf die Thesen der durchherrschenden Dopingverseuchung sowie auf den Korruptionsgrad in den Leitinstitutionen des Weltsports zu, der diese Dopingverseuchung lange Zeit aktiv vertuschte.

Die vergangenen zwei Jahre bedeuteten in dieser Hinsicht einen neuen Höhepunkt der Desillusion. Spitzenfunktionäre des Weltleichtathletikverbandes erpressten zunächst die Dopingsünder mit ihren Testergebnissen, und ließen diese Ergebnisse dann bei Zahlung verschwinden oder fälschten sie. Die durch den Journalisten Hajo Seppelt maßgeblich ermöglichten Enthüllungen über das russische Staatsdoping schufen ebenfalls eine Faktenlage, die in Umfang, Methode und verbrecherischer Konsequenz sprachlos macht. Nur ein Kind kann indes glauben, dass diese russischen Methoden, die tatsächlich sämtliche Sportarten abdeckten, ein genuin russisches Phänomen waren oder sind. Dafür wurden in den vergangenen Jahren schlicht zu viele bestens gedopte Russen in zu vielen Wettbewerben von zu vielen Athleten aus zu vielen Ländern zu deutlich geschlagen.

Es ist jedenfalls mir derzeit radikal unklar, wie irgendjemand von uns irgendeinem Sieger in irgendeinem Ausdauer- oder Kraftsport zujubeln kann, ohne diesen nicht gleichzeitig – und zwar mit besten empirischen Argumenten – unter konkretem Dopingverdacht zu halten. Ja, auch im Skisport. Auch im Tennis. Auch im Basketball. Auch im Fußball.

Es ist grotesk

Wie ernst es dem Zentrum des Systems mit dem Kampf gegen Doping etwa im Fußball ist, lässt folgende Episode ermessen: Vermutlich am Donnerstag wird der von Pep Guardiola trainierte Verein Manchester City vom englischen Fußballverband wegen wiederholter und sich über mehrere Saisons hinziehender Vergehen gegen Dopingauflagen bestraft. Es ging darum, den Verband ständig über den Aufenthaltsort der Spieler zu informieren, um Spontankontrollen zu ermöglichen. Die Gesamtstrafe für den Verein wird sagenhafte 25.000 Pfund betragen. Das entspricht in etwa der Summe, die Citys Kevin de Bruyne an einem nebligen Dienstagnachmittag im Kraftraum verdient.

Kurios wird es nun, wenn man bedenkt, mit welcher moralischen Wucht, welchem technischen Aufwand und auch mit welcher finanziellen Ausstattung derzeit der Kampf um den Videobeweis geführt wird. Im Namen der Fairness! Im Namen des Spiels! Im Namen der Gerechtigkeit! Im Kern geht es darum, gegen sich im Nachhinein als falsch erweisende Tatsachenentscheidungen aufzurufen. Man erkennt schnell, wie grotesk sich hier das Missverhältnis im Vergleich zum fußballinternen Kampf gegen Doping darstellt. Ein ganzer Sport ist mutmaßlich, und zwar mit erheblichen Auswirkungen auf das Platzgeschehen, dopingverseucht. Doch der moralische Diskurs des Systems kreist mit vollem emotionalen Einsatz um den Videobeweis! Wenn es nicht einfach nur schreiende Dummheit wäre, könnte man auf den Gedanken kommen, eine diabolische PR-Firma hätte brillante Ablenkungsarbeit geleistet.

Was die zweite Kernverlogenheit des Sports betrifft, den Grad der inneren Verrottung von global führenden Sportverbänden, schufen die Enthüllungen in den vergangenen 24 Monate ebenfalls eine Situation, die schlimmste Ahnungen übertraf. Betroffen sind die wichtigsten Sportorganisationen Fifa, IOC und IAAF. Zusammenfassend darf man festhalten, dass sich das Verhalten der Leitfunktionäre mit eiserner Konsequenz dadurch auszeichnete, eben jene Regeln – und zwar unter geteiltem Wissen aller relevanten Mitentscheider – zu missachten, die man sich selbst zuvor gegeben hatte.