ZEIT ONLINE: Andreas Krannich, mit Sportradar schlagen Sie Alarm, wenn beim Fußball manipuliert wird. Sitzen Sie in finsteren Räumen mit hellen Bildschirmen oder in finsteren Räumen mit finsteren Gestalten?

Andreas Krannich: Meine Mitarbeiter sitzen alle vor Computermonitoren. Es ist ein Arbeitsumfeld wie im Finanzsektor. Spielmanipulationen sind Insidergeschäften an der Börse sehr ähnlich: Bestimmte Personen haben vorab eine Information, die der Markt nicht hat, zum Beispiel wie ein Spiel ausgeht. Diese Information können sie zu Geld machen. Deswegen überwachen wir den Wettmarkt weltweit, bis zu 560 Wettanbieter. Sowohl lizenzierte als auch reine Schwarzmarktanbieter.

ZEIT ONLINE: Wie viel Geld setzen diese 560 Anbieter im Jahr um?

Krannich: Für 2016 schätzen wir den Sportwettmarkt auf circa 1,4 Billionen Euro – davon um die 60% durch Fußballwetten.

ZEIT ONLINE: Und wie viel davon wird illegal durch Wettbetrug abgegriffen?

Krannich: Das kann niemand seriös kalkulieren. Aber wenn man einen Billionenumsatz annimmt, ginge es selbst im Promillebereich um weit über hundert Millionen.

ZEIT ONLINE: Im Moment sind viele Fußballclubs in der Winterpause und bestreiten Testspiele. Haben Sie mehr zu tun als sonst?

Krannich: Trainingslager sind problematisch, weil sie in den vergangenen Jahren dazu benutzt wurden, Freundschaftsspiele zu manipulieren. Im Trainingslager will ein Club für geringes Geld in einem guten Hotel sein. Die sportliche Leitung hat einen Haufen Spieler dabei, es muss darauf geachtet werden, dass die sich einigermaßen vernünftig verhalten und dass sich keiner verletzt. In einem Testspiel soll dann vielleicht eine taktische Formation geübt oder ein neuer Spieler ausprobiert werden. Ich formuliere es bewusst salopp: Dem Club ist es ziemlich egal, wie das Spiel ausgeht.

Andreas Krannich ist in der Geschäftsführung der Sportradar AG. Das Schweizer Unternehmen überwacht im Auftrag von mehr als 60 Sportverbänden aus 13 Sportarten die internationalen Wettmärkte. © privat

ZEIT ONLINE: Und das lädt zur Manipulation ein?

Krannich: Das haben sich kriminelle Organisationen bewusst ausgesucht, auch weil sie dort unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung sind. Oft muss man deswegen nicht auf die Teams schauen, sondern auf die Organisatoren der Testspiele. Es gibt sehr viele renommierte Agenturen, die seit vielen Jahren seriös solche Testspiele organisieren. Es gibt aber auch Agenturen, die ausschließlich gegründet wurden, um zu manipulieren. Die rekrutieren dann Teams oder Schiedsrichter.

ZEIT ONLINE: Welche Agenturen sind das?

Krannich: Deren Namen kann ich Ihnen nicht nennen, weil dort noch Verfahren laufen. Oft sitzen die Organisationen außerhalb von Europa. Damit minimieren sie das Risiko, von der Strafverfolgung belangt zu werden.

ZEIT ONLINE: Warum lassen sich Clubs darauf ein?

Krannich: Was ist denn die Motivation für einen Club, zu verreisen? Erstens geht er dorthin, wo er gut trainieren kann. Zweitens sucht der Club den sportlichen Wettkampf und möchte bewusst gegen eine gute Mannschaft spielen. Aber das muss man, drittens, im Kontext sehen: Kann sich der Club das leisten? Kann es sich eine Mannschaft leisten, in ein Land mit höheren Lebenshaltungskosten zu reisen, obwohl das Klima zu Hause vielleicht sogar besser ist? Bestimmte Clubs sind ganz bewusst durch Europa getingelt, um Spiele zu manipulieren. Die Verbände und Ligen, mit denen wir zusammenarbeiten, warnen wir davor, gegen diese Clubs Freundschaftsspiele durchzuführen.

ZEIT ONLINE: Welche Clubs sind das konkret?

Krannich: Die kann ich nicht nennen. Wenn wir uns dazu äußern, haben wir im Zweifelsfall sofort eine Schadensersatzklage am Hals.